Naturkatastrophe

Im Schlaf in den Tod gerissen

Vor der Kirche von Teresópolis stehen die Menschen Schlange. Im Inneren hängen Bilder der geborgenen Toten. In der eilends eingerichteten Suchstelle können sich Überlebende nach vermissen Familienangehörigen erkundigen. "Ich habe meinen Sohn und meinen Enkel verloren", sagt Carlos de Oliveira.

Der 70-Jährige hatte sich zu Fuß bis in die Stadt durchgeschlagen.

Sechs Tage nach den sintflutartigen Regenfällen ist die Zahl der Todesopfer der Katastrophe im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro auf über 640 gestiegen. Am schwersten betroffen sind die Städte Nova Friburgo, Teresópolis und Petrópolis in der bergigen Serrana-Region, nördlich der Stadt Rio de Janeiro. Nachdem es schon zuvor tagelang geregnet hatte, war es in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zu einem außergewöhnlichen Niederschlag gekommen. "In nur acht Stunden kam eine Wassermenge von Himmel herunter, die sich sonst über den ganzen Monat verteilt", sagte Paulo Canedo vom Hydrologischen Institut der Bundesuniversität Rio de Janeiro. Und das setzte die Schlammlawinen in Bewegung, die alles mit sich rissen.

Die meisten Menschen wurden im Schlaf überrascht, als ihre Häuser von den Erdrutschen an den Berghängen erfasst wurden. Die Wassermassen verwandelten Talsohlen, Landstraßen und die Straßen der Städte zeitweise in reißende Flüsse. In den Fluten der über die Ufer getretenen Flüsse ertranken zahlreiche Menschen. Die Behörden rechnen damit, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigt.

Schrecken und Trauer machen sich auch unter den Tausenden Rettungskräften von Feuerwehr, Militär, Polizei und Zivilschutz breit. "Sie haben keine Ahnung davon, wie es ist, so viele Leichen von Kindern zu sehen. Das ist der reine Horror", sagt ein Feuerwehrmann aus Teresópolis. Die Beerdigungen finden im Viertelstundentakt statt.

Noch immer können die Rettungskräfte nicht zu allen Ortschaften vordringen. Die Bewohner sind von der Außenwelt und den Hilfsmaßnamen abgeschnitten. Am Wochenende behinderte starker Regen die Bergungsarbeiten, zeitweise mussten sie eingestellt werden. Nach Angaben der Meteorologen werden die Niederschläge noch bis Mittwoch andauern.