Naturkatastrophe

"Ich habe alles, was ich habe, verloren"

Es ist die wohl schlimmste Wettertragödie Brasiliens: Heftiger tropischer Regen in der Region Serrana nördlich von Rio de Janeiro hatte dazu geführt, dass Flüsse über die Ufer traten, Schlammlawinen in die Orte rutschten und sie zerstörten. Mindestens 529 Menschen sind dabei ums Leben gekommen.

In der betroffenen Bergregion suchten Rettungskräfte am Freitag verzweifelt nach Überlebenden. Anhaltender Regen und verschüttete Straßen erschwerten die Suche. Die Behörden befürchteten noch viele weitere Opfer.

Am schwersten betroffen war die Stadt Nova Friburgo. Dramatisch waren die Auswirkungen der Naturkatastrophe aber auch in Teresópolis, rund 100 Kilometer von Rio entfernt, sowie in Petrópolis und in Sumidouro. In den Orten wurden teilweise ganze Viertel von den Fluten aus Schlamm und Gesteinsbrocken weggeschwemmt. Sie überraschten die meisten Opfer im Schlaf. Einsatzkräfte stießen bei den Aufräumarbeiten auf immer neue Leichen - vor allem von alten Leuten und Kindern: "Es sind so viele Kinder, Sie können sich nicht vorstellen, wie schrecklich es ist, die Leichen so vieler Kinder zu sehen", sagte ein Feuerwehrmann.

Es soll weitere Regenfälle geben

Schlammfluten rissen Autos und Lastwagen mit. Tausende Menschen mussten in Notunterkünften übernachten. Kirchen und Polizeiwachen wurden zu Leichenhäusern umfunktioniert. Davor spielten sich dramatische Szenen ab. Angehörige suchten nach Vermissten. Dramatisch waren auch die Szenen in den Notunterkünften. Der 44-jährige Edmar Da Rosa berichtete in einem Lager in Teresópolis, wie eine Wand seines Hauses in dem Unwetter eingestürzt war. "Meine Frau starb. Mein Enkel starb. Und die anderen sind verletzt." Der 59 Jahre alte Joao de Lima umklammerte verzweifelt eine kleine Puppe und sagte: "Ich habe meine vier Töchter und alles, was ich habe, verloren."

Experten machten das unkontrollierte Wachstum der Städte im Bergland des Bundesstaates Rio de Janeiro für das Ausmaß der Katastrophe mitverantwortlich. Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff sagte: "Die Vorbeugung ist nicht nur eine Frage des Zivilschutzes, sie ist eine Frage der Kanalisation, der Entwässerung und der Wohnungspolitik der Regierung." Zuvor hatte sie die Katastrophenregion überflogen. "Das Leben in Risikozonen ist in Brasilien die Regel, nicht die Ausnahme", sagte sie. Rousseff sicherte den betroffenen Städten schnelle Hilfe zu.

In Nova Friburgo musste die Suche nach Überlebenden wegen der Gefahr neuer Erdrutsche zeitweise unterbrochen werden. Und die Meteorologen sagten weitere Regenfälle voraus. In Teresópolis suchten am Freitag 800 Kräfte des Zivilschutzes und der Feuerwehr nach Verschütteten. Der Umweltminister des Staates Rio de Janeiro, Carlos Minc, sprach von der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte der Stadt. "Die Häuser der Reichen, die Häuser der Armen - alles wurde zerstört", zitierte die Onlineausgabe von "O Globo" die Hausangestellte Fernanda Carvalho.

Die zum Teil spektakuläre Rettung einzelner Menschen gab aber auch immer wieder Anlass zur Hoffnung. Aus einem eingestürzten Haus konnten Rettungskräfte ein sechs Monate altes Baby retten. Anwohner brachen in Jubelstürme aus und fielen sich erleichtert in die Arme. Anderenorts drohte eine Frau mit ihrem Hund auf dem Arm, von den Fluten fortgerissen zu werden. Sie konnte nach einem Seil greifen, mit dessen Hilfe sie auf ein Dach in Sicherheit gezogen wurde. Das Tier verschwand in den Wassermassen.

Das Auswärtige Amt in Berlin forderte Brasilien-Urlauber auf, besonders aufmerksam die aktuellen Hinweise der örtlichen Behörden zu beachten.

Lage in Australien normalisiert sich

Im australischen Queensland dagegen beginnt sich die Lage im Hochwassergebiet wieder zu normalisieren. Weite Teile des Bundesstaates standen am Freitag zwar noch unter Wasser. Wichtige Verkehrslinien konnten dagegen wieder freigegeben werden. Darunter auch Abschnitte des für den Nord-Süd-Verkehr wichtigen Bruce Highway nahe der Ostküste des Kontinents. Bis Freitag forderte die Hochwasserkatastrophe insgesamt 26 Todesopfer, 53 Menschen werden noch vermisst.

Klimaexperten führen die massiven Regenfälle in Australien derweil auf das derzeit zu beobachtende Meeresphänomen "La Niña" zurück, das Gegenstück von "El Niño". Während Letzterer vor der Pazifikküste des nördlichen Südamerikas um die Weihnachtszeit für sehr warme Meerestemperaturen sorgt, bewirkt "La Niña" dort - zur ähnlichen Zeit - das Gegenteil: extrem kalte Strömungen vor Peru. Dies führt dazu, dass das warme Meerwasser sich im Südwestpazifik vor Australien staut und so für erhöhte Verdunstung und Bildung schwerer Regenwolken sorgt. Forscher gehen davon aus, dass La Niña auch in weiter entfernten Regionen Einfluss ausübt, zum Beispiel zu mehr Hurrikanen im Atlantik oder auch zu Dürren in den USA und im südlichen Argentinien führt. La Niña findet meist im Anschluss eines El Niño statt. Vergangenen Winter gab es einen El Niño, derzeit herrscht vor Peru La Niña.