Geschichte

Ein Hund namens "Hitler"

Flughafen Frankfurt Rhein-Main, 4. Mai 1937: Aufgeregte Passagiere checken ein für die Transatlantikpassage mit dem Zeppelin "Hindenburg", dem größten und komfortabelsten Luftschiff aller Zeiten. Unter den Augen von Polizei und Gestapo ist die Stimmung allerdings eher angespannt.

Trotzdem erlaubt sich Gilles Broca (Hannes Jaenicke) einen gewagten Scherz: Der Varietékünstler hält sich Zeige- und Mittelfinger unter die Nase - und sein dressierter Schäferhund Goldie hebt sofort die rechte Pfote. Der Hund gehört zu den Höhepunkten im ersten Teil des Spielfilmzweiteilers "Hindenburg", den RTL am 6. und 7. Februar ausstrahlt; schon am Dienstag findet im Berliner Kino Kosmos die Premiere der Produktion statt.

Drehbuchautor Johannes W. Betz griff mit der Szene einen geläufigen Witz auf, der in zahlreichen Varianten immer wieder kolportiert wurde. Zu den lustigsten Fassungen gehört die Anekdote, Hitler persönlich habe seinem Schäferhund das Grüßen mit erhobener rechter Vorderpfote sogar wieder abgewöhnen müssen - Blondie habe ja nichts anderes gekannt als Menschen, die ihrem Herrchen mit dem "deutschen Gruß" gegenübertraten.

Ein Zufallsfund im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts zeigt jetzt, dass der eigentlich stets als Hörensagen beurteilte Flüsterwitz wenigstens einen kleinen wahren Kern hatte. Im Dezember 1940 nämlich schwärzte ein Prokurist der Arzneimittelfirma Bayer Leverkusen, seinerzeit Teil des Konzerns I. G. Farben, einen seiner Geschäftspartner an. Der Pharma-Großhändler Tor Borg in Tampere habe, so beschwerte sich der deutsche Geschäftsmann namens Suchanek, seinen Hund "Hitler" gerufen. Ja, der Hund sei sogar darauf dressiert gewesen, die rechte Pfote zum Hitler-Gruß zu heben.

Die Beschwerde brachte die deutsche Botschaft in Finnland, das Auswärtige Amt sowie das Reichswirtschaftministerium in Berlin ins Schwitzen. Mehrere Diplomaten der Gesandtschaft setzen den deutschen Vizekonsul in Tampere, Willy Erkelenz, unter Druck: Er solle weitere Zeugen für das unerhörte Verhalten des Pharmahändlers beibringen. Es "schwebt die Prüfung eines strafrechtlichen Vorgehens gegen Herrn Tor Borg", telegrafierte Legationsrat Dr. Kreutzwald nach Berlin. Kaum hatte der Beschuldigte von den Vorwürfen gehört, machte er sich auf den Weg nach Helsinki, um die Angelegenheit zu klären. "Herr Tor Borg, Direktor der Drogenhandels-A/B in Tampere, ist heute hier erschienen", heißt es in einer Aufzeichnung für das Auswärtige Amt: "Er hat entschieden bestritten, seinen Hund ,Hitler' gerufen zu haben. Er müsse zugeben, dass seine Frau vor sieben Jahren dem Hund eine kurze Zeit den Namen ,Hitler' gegeben habe. Eine beleidigende Absicht habe nicht vorgelegen. Die Namensgebung sei erfolgt, weil der Hund die Pfote wie beim Hitlergruß erhoben habe." Ohnehin habe es sich nur um eine Episode im Kreise seiner Familie gehandelt, bei der es keinerlei politische Hintergedanken gegeben habe. Borg ging sogar noch weiter. Er betonte, "stets deutschfreundlich gewesen" zu sein.

Doch so einfach glauben mochten die Diplomaten diesen Erklärungen nicht. Denn Vizekonsul Willy Erkelenz hatte selbstständig Erkundigungen eingezogen: "Ein Zeuge, der nicht genannt werden will, hat ausgesagt, dass er im Konversationsclub in Gegenwart mehrerer anderer Personen gesehen und gehört habe, wie Borgs Hund auf den Anruf ,Hitler' reagierte und die Pfote erhob." Ein anderer Zeuge jedoch zog seine belastende Aussage zurück. Erkelenz blieb jedoch skeptisch: "Borgs betont deutschfreundliche Gesinnung ist mit Vorsicht aufzufassen. Nationalsozialistisch ist sie keinesfalls, eher das Gegenteil."

In einer Stellungnahme der Bayer-Werke gab Prokurist Suchanek an, er habe zwar schon 1934/35 die "empörende" Benennung eines Hundes nach dem deutschen Reichskanzler gehört, danach aber nicht mehr. Ausweislich der im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts erhaltenen Dokumente entschied im März 1941 Hans Otto Meißner, der Chef der Präsidialkanzlei Hitlers: "Mit Rücksicht darauf, dass der Sachverhalt nicht restlos aufgeklärt worden ist und mehrere Jahre zurückliegt, halte ich die Stellung eines Strafantrages nicht für notwendig."

Damit endet die Geschichte von dem echten Hund, der "Hitler" gerufen wurde und die rechte Pfote zum "deutschen Gruß" heben konnte. Das Tier wurde übrigens "Jackie" gerufen. Ob sein Herrchen tatsächlich Nazi-Gegner war und sich einen Scherz erlaubt hat, verraten die Archive bisher nicht.