Flutkatastrophe in Australien

"Rette meinen Bruder!"

Jordan hatte immer panische Angst vor Wasser. Er konnte nicht schwimmen - und er wusste, wie aussichtslos seine Lage war, als er mit seiner Mutter Donna und seinem zehnjährigen Bruder Blake im Auto saß, während ringsherum das Wasser stieg. Sie waren auf einer Straße nahe der australischen Stadt Toowoomba, 80 Meilen westlich von Brisbane, von einer dramatischen Springflut überrascht worden, in der vermutlich 16 Menschen starben.

Jordan war einer von ihnen. Er war erst 13 Jahre als, er starb, weil er wollte, dass Blake überlebt.

"Rette meinen Bruder!", sagte er zu Warren McErlean, dem Rettungsmann, der der Familie zu Hilfe kam. McErlean rettete Blake. "Ich hatte Blake in der einen Hand und das Seil in der anderen", berichtete er. Er musste erst Blake an Land bringen. Doch bevor er sich um Jordan und seine Mutter kümmern konnte, brach eine neue Flutwelle über sie ein. Sie hatten keine Chance. Jordan und seine Mutter ertranken.

Australien wird schwer heimgesucht in diesen Tagen. Starke Regenfälle haben den Brisbane River in einen reißenden Strom verwandelt. Meteorologen hatten befürchtet, dass die Wasserpegel der drittgrößten Stadt Australiens auf fünf Meter steigen könnten. Das ist glücklicherweise nicht geschehen. Offiziellen Angaben von Meteorologen zufolge lag der Pegel des Flusses im Zentrum der Zwei-Millionen- Einwohnerstadt bei 4,45 Metern. Von Entwarnung kann dennoch keine Rede sein. Es wird noch Tage dauern, bis die Menschen in ihre Gebäude zurückkehren könnten. 11 900 Häuser und 2500 Geschäfte standen Donnerstag vollständig unter Wasser, weitere 14 700 Häuser und 2500 Geschäfte waren zum Teil überschwemmt. Seit Ende November sind 25 Menschen in den Fluten gestorben, mindestens 61 Menschen werden vermisst. Die Naturkatastrophe könnte das Wirtschaftswachstum von Queensland um einen Prozentpunkt reduzieren, sagte ein Zentralbankmitglied.

Spende von der Königin

In einigen Teilen von Brisbane sei ein langer Wiederaufbau wie nach einem Krieg nötig, sagte die Regierungschefin des Bundesstaats Queensland, Anna Bligh, am Donnerstag. Bligh zufolge mussten 3000 Menschen in der Hauptstadt ihres Bundesstaats in Notunterkünften in der Region untergebracht werden. Die britische Königin Elizabeth II., die offiziell Staatsoberhaupt von Australien ist, spendete für die Flutopfer aus ihrem Privatvermögen. Wie tief Elizabeth II. in die Tasche griff, wollte der Sprecher auch auf Nachfrage nicht sagen.

Auch eine junge Hamburgerin ist in Australien ertrunken. Allerdings kam die 19-jährige Frau nicht im Hochwasser, sondern bei einem Badeurlaub ums Leben. Polizeitaucher hatten die Leiche der Frau in der Granite-Schlucht im Nordosten Australiens im Bundesstaat Queensland gefunden, berichtet "The Daily Telegraph" am Donnerstag in seinem Onlinedienst. Die Frau war zuletzt am Montagabend in der Schlucht gesehen worden. Die Polizei vermutet, dass sie von der Strömung unter die Felsen gedrückt wurde und ertrank.

Grausame Szenen spielen sich infolge der Naturkatastrophe ab. Ein Mann starb, als er von den Wassermassen in einen Gully gesaugt wurde. "Queensland schwankt an diesem Morgen, angeschlagen von der schlimmsten Naturkatastrophe in unserer Geschichte und möglicherweise in der Geschichte unseres Landes", erklärte Anna Bligh. Drei Viertel des Staates seien von der Flut betroffen gewesen, nun sehe man sich einem Wiederaufbau wie nach einem Krieg gegenüber.

Aber Australien erlebt auch, wie heldenhaft sich seine Menschen in der Not verhalten. Jordan Rice, der sein Leben für seinen jüngeren Bruder gab, ist nur ein Beispiel dafür. Selbstlos war auch der Einsatz des Kapitäns Doug Hislop und seines Ingenieurs Peter Fenton. Sie hatten im Radio gehört, dass ein 300 Tonnen schwerer und 400 Meter langer Brocken aus Stahl und Beton vom Ufer des Brisbane Rivers abgerissen worden war. Es war ein Stück Gehweg, ein gefährliches Geschoss, das jetzt den Fluss hinabraste und Brücken und Industrieanlagen bedrohte. Eine Bootsanlegestelle hatte das riesige Betonstück bereits zerstört, als es Hislop und Fenton mit ihrem Schlepper gelang, den Brocken sicher den Fluss hinunterzuleiten, vorbei an Pontons, Chemieanlagen und einer Öl-Pipeline. "Ich denke, es gibt keinen Zweifel, dass der Schlepperfahrer Leben rettete", sagte die Regierungschefin des Bundesstaates Queensland, Anna Bligh. "Wir haben nur getan, was getan werden musste", sagten Hislop und Fenton.

Jordan hat mehr getan. Er hat sein Leben für seinen Bruder geopfert. Sein älterer Bruder Kyle (16) lobte öffentlich seinen ungeheuren Mut und den unbedingten Willen, den jüngeren Blake zu retten. Warren McErlean, der Jordan nicht retten konnte, ist dennoch untröstlich. Er hat im australischen Fernsehen von seiner tiefen Traurigkeit gesprochen. "Ich habe ihm noch gesagt, dass alles gut wird", sagte er. Aber es wurde nicht gut. "Ich fühle mich schrecklich", sagte er. Und dass er tiefes Mitgefühl mit Jordans Familie habe. Für John Tyson, Jordans Vater und langjähriger Lebensgefährte von Donna Rice, ist sein Sohn der "Champion aller Champions". Der Held der Familie.

"Queensland schwankt an diesem Morgen, angeschlagen von der schlimmsten Naturkatastrophe in unserer Geschichte"

Anna Bligh, Ministerpräsidentin von Queensland