Recht

Ist Wahrsagerei eine ordentliche Dienstleistung?

Plötzlich war sie weg. Die Frau, die mit dem Geschäftsführer einer Marketingabteilung jahrelang das Leben geteilt hat. Plötzlich war alles aus. Ein Außenstehender kann nicht wirklich nachvollziehen, wie weh das tut. Auch wenn man weiß, dass irgendwann die Wunden heilen, ein anderer Mensch kommt, der das Herz berührt. Den Geschäftsführer der Marketingabteilung konnte das nicht trösten.

Er wollte die Frau zurück, die ihn verlassen hat. Und dafür war er bereit, sehr ungewöhnliche Wege zu gehen.

Der Mittvierziger nahm Kontakt mit einer Frau auf, die von sich behauptete, übernatürliche Kräfte zu besitzen und Liebesrituale zu kennen, mit deren Hilfe der Verlassene die abtrünnige Partnerin bald wieder in seinen Armen halten würde. Der Geschäftsmann hatte die Telefonnummer der Frau im Internet gefunden. Eine Nummer, die er anfangs noch kostenlos wählen konnte - die ihn bald aber sehr viel Geld kosten sollte. Allein 2008 zahlte er 35 000 Euro für Telefongespräche, in deren Verlauf die Wahrsagerin aus dem Landkreis Gießen ihm die Karten las und ihm Rituale empfahl, die die Freundin zurückbringen sollten. Er sollte Kerzen anzünden, Zaubersprüche aufsagen. Der Mann machte mit, zahlte. Die Wahrsagerin konnte ihre vermeintlichen Fähigkeiten gut verkaufen. Dabei kam ihr sicher zugute, dass sie von Beruf eigentlich Verkäuferin ist. Doch die Freundin brachte sie nicht zurück. Schließlich suchte der Mann nicht nur Hilfe bei der Stuttgarter Sektenberatung, sondern weigerte sich auch, die 6700 Euro, die er der Kartenlegerin noch schuldete, zu zahlen. Die Wahrsagerin klagte. Die Zivilkammer des Stuttgarter Landgerichts gab ihr aber ebenso wenig recht wie das Oberlandesgericht. Beide begründeten ihre Entscheidungen damit, dass die Zusagen der Frau aus rationaler Sicht nicht umsetzbar seien.

Urteil mit Grundsatzwirkung

Doch die Wahrsagerin zog vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Ob sie ihr Geld einklagen kann, entscheidet sich heute. Der BGH wollte den Fall im Vorfeld nicht kommentieren. Alfred Steudel, Anwalt des Beklagten, geht aber davon aus, dass die Urteile der Vorinstanzen bestätigt werden: "Ich glaube, dass hier Recht gesprochen wird." Und er glaubt, dass das Urteil eine Grundsatzwirkung haben wird. "Wenn der BGH hier keinen Riegel vorschiebt, dann werden für alle Scharlatane Tür und Tor geöffnet", sagt er.

Auch der Theologe Matthias Pöhlmann, wissenschaftlicher Referent und stellvertretender Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, glaubt nicht, dass die Wahrsagerin, die vor dem Bundesgerichtshof auf ihr Honorar klagt, Aussicht auf Erfolg hat. "Es ist gut, dass dieser Sektor juristisch unter die Lupe genommen wird", sagt er, "es könnte dafür sorgen, dass der Abzocke ein Riegel vorgeschoben wird." Dass ein Mensch so viel Geld wie in dem aktuellen Fall in irrationale Heilsversprechen investiert, ist eher die Ausnahme. Aber es gibt immer wieder Menschen, die in ihrer Verzweiflung viel Geld für Kartenleger, Astrologen und andere Gestalten ausgeben, die behaupten, mithilfe höherer Mächte die Probleme des Lebens lösen zu können. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Pöhlmann geht aber von einer erheblichen Dunkelziffer aus. "Die Welt wird immer komplizierter", sagt er, "es wird immer schwieriger, konkrete Entscheidungen zu treffen. Dass Ratgeber-Literatur und Ratgeber-Sendungen so boomen, ist nur ein Indiz dafür. Wenn sich Anbieter auf ein höheres Wissen berufen, ist das natürlich besonders verlockend."

Wie anfällig Menschen in schweren Lebenskrisen für gewisse Esoterik-Strömungen sind, zeigt nicht zuletzt der Fall einer Kölner Krankenschwester. Sie war auf eine vermeintliche Wahrsagerin reingefallen, die ihr versprochen hatte, ihre Probleme zu lösen, indem sie sie von einem Fluch befreie. Die Krankenschwester glaubte ihr. Sie gab ihr sämtliche Ersparnisse, 28 000 Euro. Schließlich zeigte die Krankenschwester die Frau an. Das Kölner Amtsgericht verurteilte sie zu 12 000 Euro Strafe wegen Betrugs.