Hamburger Findelkind Marie

Der mysteriöse zweite Koffer

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Sascha Balasko

Der Fall des Findelbabys Marie vom Congress Center Hamburg (CCH) wird immer mysteriöser. Während die Polizei mit Fotos und Videos aus einer Überwachungskamera nach dem mutmaßlichen Täter sucht, der das Neugeborene ausgesetzt haben soll, stellt sich heraus, dass die Fahnder ihren Verdacht auf nicht identische Beweisstücke stützen.

So ist etwa der Koffer, den der Gesuchte in der Hand hält, sehr viel größer als der Koffer, in dem die kleine Marie ausgesetzt wurde.

Lediglich der Hersteller Omica ist derselbe. "Wir gehen davon aus, dass es sich um ein Koffer-Set handelt, bei dem die Koffer unterschiedlicher Größen ineinander passen", sagt Polizeisprecher Mirko Streiber. Ermittler vermuten, dass Marie bei der Aufnahme am Bahnhof Dammtor bereits in dem kleinen, später aufgefundenen Koffer lag, und dieser sich wiederum in dem größeren des Sets befand.

Über die Beweggründe können die Ermittler zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren. Möglich ist, dass der Gesuchte nach dem Ablegen Maries nicht ohne Koffer gesehen werden wollte. Jemand, der ihn vorher mit Gepäck beobachtet hätte und kurze Zeit später nicht, hätte womöglich Verdacht schöpfen können, wo der Koffer wohl abgeblieben sei.

Gestützt wird diese Theorie durch das Gewicht des großen Gepäckstücks. Auf dem Video ist durch die Körperhaltung des Verdächtigen zu erkennen, dass es schwer sein muss. Marie selbst wog bei der Einlieferung ins Altonaer Kinderkrankenhaus lediglich 2200 Gramm. Möglicherweise befanden sich weitere Gegenstände im großen Koffer, damit dieser nach dem Ablegen nicht leer war.

Eine zweite Theorie, die den Fahndern plausibel erscheint, ist, dass der größere Koffer als Schallschutz gegen die zu erwartenden Schreie des Neugeborenen dienen sollte. Auf einem der Fotos der Überwachungskamera ist zu sehen, dass der Reißverschluss geöffnet ist. Womöglich für die Atemluft?

Dass der Mann, der auf den Fotos gezeigt wird, unbeteiligt an dem Aussetzen der am Dienstag vor einer Woche erst einen Tag alten Marie ist, kann aber auch nicht ausgeschlossen werden. Polizeisprecher Mirko Streiber: "Der Mann hält einen ähnlichen Koffer in der Hand wie den, der abgelegt wurde. Er ging mit diesem außerdem zu der in Frage kommenden Ablegezeit in die Richtung, in der der Koffer schließlich abgelegt worden ist. Das begründet einen Anfangsverdacht."

Die Ermittler hatten bereits in der vergangenen Woche herausgefunden, dass der Koffer am 4. Januar zwischen 15 und 17 Uhr abgelegt worden sein muss. So fand die Polizei heraus, dass das erst ab 15 Uhr unbemerkt geschehen konnte. Bestimmte Zugänge, durch die CCH-Mitarbeiter dies hätten bemerken müssen, waren zu diesem Zeitpunkt offen. Ein Passant hatte den verschlossenen Koffer um 17 Uhr gefunden und einen CCH-Pförtner in dessen Loge informiert.

"Der Umstand, dass es sich um zwei Koffer handelt, erschüttert den Anfangsverdacht im Moment nicht", sagt auch Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. Für eine Öffentlichkeitsfahndung reiche ein Anfangsverdacht aus. Für diesen brauche es eine bestimmte Tatsachenlage. "Und die ist dadurch gegeben, dass der Verdächtige mit dem Koffer zur passenden Zeit den Bahnhof in Richtung des Auffindeortes des Kindes verlässt."

Einen entscheidenden Hinweis auf den Gesuchten hat die Polizei noch nicht. Nicht einmal zehn Anrufe sind eingegangen. Und das ist bei der guten Qualität der Fahndungsfotos überraschend. Bei vergleichbaren Öffentlichkeitsfahndungen melden sich sonst Dutzende Anrufer. Es ist daher gut möglich, dass der Gesuchte nicht aus Hamburg kommt. Dafür spräche etwa auch die Tatsache, dass der Unbekannte am Hauptbahnhof in die S-Bahn zum Dammtor eingestiegen ist. Möglicherweise kam er mit einer Fern- oder Regionalbahn in der Hansestadt an.