Gerichtsurteil

Glockengeläut ist wichtiger als Ausschlafen

Morgendliches Glockenläuten verstößt nicht gegen das Grundgesetz. Mit diesem Urteil widersprach das Verwaltungsgericht Stuttgart der Auffassung eines Klägers, der sich durch das frühmorgendliche Geläut "zu einer systematischen stetigen Kenntnisnahme eines akustischen religiösen Zeichens gezwungen" sah, hieß es in einer Mitteilung des Gerichts.

Danach wohnt der Kläger nur rund 100 Meter von einem Glockenturm einer evangelischen Kirchengemeinde entfernt und empfand das zweiminütige Glockenläuten zwischen sechs und acht Uhr morgens außerdem als Störung seiner Schlafqualität. Auch machte er geltend, dass der Immobilienwert seines Grundstücks durch das Glockengeläut gemindert werde.

Die 11. Kammer des Verwaltungsgerichts Stuttgart folgte dieser Argumentation nicht. Die Richter gaben der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit der Kirchengemeinde sowie dem Grundrecht auf ungestörte Religionsausübung den Vorrang. "In einer Gesellschaft, die unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen Raum gebe, habe der Einzelne kein Recht darauf, von fremden Glaubensbekundungen, kultischen Handlungen und religiösen Symbolen verschont zu bleiben", erklärte das Gericht. Das gelte im Übrigen auch für die Verkündigung der muslimischen Botschaft durch den Muezzin-Ruf vom Minarett. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Urteils hat das Gericht eine Berufung zugelassen. Der Kläger kann davon noch bis zum 31. Januar Gebrauch machen, wie eine Gerichtssprecherin sagte.

( dpa )