Bier

Schonung für die britische Leber

Wenn es nach der britischen Regierung geht, müssen sich Biertrinker an einen neuen Ausdruck gewöhnen. "Schooner", zu Deutsch: Schoner, bezeichnete bisher nur ein Segelschiff mit normalerweise zwei Masten.

In Zukunft soll es auch in britischen Pubs "schooner" geben, also Gläser, in die 425 Milliliter passen. "Wir befreien die Branche von unnötigen Vorschriften und geben damit den Konsumenten größere Wahlmöglichkeiten", begründet Wirtschaftsstaatssekretär David Willetts seine Initiative. Traditionalisten fürchten, bald werde dem Pint das "Last orders!"-Glöcklein schlagen. Die kuriose Menge von 568 Millilitern ist auf der Insel seit 1698 das Maß aller Dinge. Damals verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das sich heute wie die Aufforderung zum Kampftrinken liest: Bier durfte nur noch mindestens in Pints ausgeschenkt werden. Freilich betrug der Alkoholanteil damals nicht viel mehr als zwei oder drei Prozent. Vorschriften aus jüngerer Zeit ermöglichten dann auch die Hälfte des Pint-Maßes. Und so wird bis heute jeder Pub-Besucher gefragt: "A Pint or a half?"

Nun soll also der "schooner" hinzukommen, ein australischer Ausdruck. Gesundheitsexperten freuen sich über kleinere Gläser. Wer im Pub Wein, Sherry oder Port genießen wollte, musste bisher mindestens 125 Milliliter trinken. Wenn in Zukunft auch 50 oder 70 Milliliter ausgeschenkt werden, sagt Chris Sorek von der Organisation Drinkaware, "löst das zwar nicht unser Alkoholproblem. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung." Die Regierung redet zwar nur von größeren Wahlmöglichkeiten, nicht von der Volksgesundheit. Aber alle Experten sind sich einig - die britische Leber bedarf dringend der Schonung. Während in Deutschland und Frankreich laut OECD der Alkoholkonsum pro Kopf in den letzten 30 Jahren um rund ein Drittel fiel, tranken die Briten durchschnittlich 19 Prozent mehr. Auch in gutbürgerlichen Familien gilt der Wochenendsuff als völlig normal.

Das hat Auswirkungen auf den Nachwuchs: 24 Prozent der 15-Jährigen gaben bei einer Regierungsstudie zu Protokoll, sie seien 2010 mindestens zehnmal betrunken gewesen. Zwischen 1991 und 2005 hat sich die Zahl der Alkoholtoten mehr als verdoppelt. Für die Behandlung von Unfallverletzungen und Krankheiten, die auf übermäßigen Suff zurückzuführen sind, entstehen dem Gesundheitssystem jährliche Kosten von rund 2,7 Milliarden Pfund (3,3 Milliarden Euro). "Diese Bürde kann unser Gesundheitssystem nicht mehr lang aushalten", glaubt der Medizinprofessor Ian Gilmore. Der Dachverband gegen Alkoholmissbrauch, dem Professor Gilmore präsidiert, fordert höhere Preise: Eine Steuererhöhung um zehn Prozent könne die Zahl der Alkoholtoten um bis zu 30 Prozent senken.