Rio de Janeiro

Krieg in den Straßen der Armen

Wenn die Sprache auf die Vila Cruzeiro kommt, senken die Einwohner Rios die Stimme zu einem unheilvollen Flüstern. "Nein, nein, geh dort bloß nicht hin", raunen sie. Es ist ein finsterer Ort, der Hölle gleich muss es dort sein, sie kennen ihn nur vom Hörensagen.

Von dort liefern die TV-Stationen des Landes unter Polizeischutz gelegentlich Bilder von erschossenen Jugendlichen und rennenden Drogenkurieren. Dort brennen Busse, manchmal Menschen. Es ist Krieg, irgendwie vor der eigenen Haustür, aber doch weit genug weg, dass er nicht allzu oft den Alltag der Copacabana stört. Für 120 000 Menschen aber ist dieser Ort das, was sie zu Hause nennen.

Die Vila Cruzeiro ist ein Teil der wuchernden Favelalandschaft in den nördlichen Stadtausläufern Rios. No-go-Areas für alle, die nicht hier wohnen. Zwei bis drei Busstunden vom Zentrum Rios entfernt. Beherrscht vom Comando Vermelho (CV), dem Roten Kommando, einem berüchtigten Drogenkartell. Polizei und Justiz, Müllabfuhr oder Schulen - Fehlanzeige. Vor Jahren wagte sich ein Journalist hierher. Er wollte mit versteckter Kamera Drogengeschäfte filmen. Hinaus kam er in seine Einzelteile zerstückelt, tot. Die Botschaft: Hier haben wir die Macht.

Lange hat die Regierung diesen rechtlosen Raum einfach hingenommen. Hat dabei zugesehen, wie Generation um Generation von Jugendlichen dem schnellen Geld des Drogengeschäfts erlag. Hat weder für Sicherheit noch Bildung gesorgt, obwohl, wie Statistiken zeigen, 80 Prozent der Einwohner einer typischen Favela hart arbeitende Haushälterinnen, Kindermädchen, Nachtportiers sind und nicht ins Drogengeschäft verwickelt. Die Bilanz: 80 Prozent der Jungen, die in das Drogengeschäft einsteigen, erleben ihren 21. Geburtstag nicht. Sie sterben vorher an Bauchschüssen aus Polizeiwaffen bei Gelegenheitseinsätzen oder werden von rivalisierenden Banden hingerichtet.

Rafael Mota hat Glück gehabt. Er ist 22 und seit vier Jahren raus aus dem Zyklus aus Drogen und Gewalt. Das verdankt er der Hilfsorganisation IBISS. Seit 2004 ist sie mit dem Programm "Soldados Nunca Mais" aktiv. "Nie wieder Soldat" rettet Leben, bislang das von 1300 jungen Menschen. "Wir bieten ihnen eine Perspektive außerhalb des Drogenhandels. Viele von den Jungen wollen doch nur ein bisschen Geld verdienen, Anerkennung haben, ein Mädchen erobern. Das Drogengeschäft bietet ihnen diese Möglichkeit sehr schnell. Aber es führt auch schnell in den Tod", sagt Nanko. Er ist Gründer des Programms. "Er ist wie ein Vater für mich, ich kann mit meinen Problemen zu ihm gehen. Er hilft mir", sagt Rafael.

Kostenlose Hilfe

Nanko hat Rafael einen Arbeitsplatz besorgt, in einer durch Spenden finanzierten IBISS-Kindertagesstätte in Vila Cruzeiro. 5000 Kinder werden hier täglich betreut, sie lernen Englisch, wie man einen Computer bedient, Fußball spielen. Hier wird über die Bilder der vielen Toten gesprochen, Trauma-Arbeit geleistet. Alles kostenlos. "Ich verdiene hier weniger als noch als Drogenkurier. Aber dafür ist die Arbeit schön, sinnvoll. Und sicher."

Rafael flog mit 16 zu Hause raus, wurde Crack-Dealer des CV. Er machte seine Sache gut, bald beaufsichtigte er einen Boca do fumo, einen Verkaufspunkt für Crack. Bis zu 22 000 Euro pro Woche hat er dort für seinen Chef eingenommen. Er selber verdiente 60-80 Euro pro Woche, ein Vermögen. Später stieg er zum persönlichen Leibwächter seines Chefs auf. "Ich habe nie jemanden umgebracht, ich schwöre es", sagt er. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass dieser junge Mann, der heute mit kleinen Kindern Seil hüpft, sein Baby liebevoll auf dem Arm hält und später beim Bier an einem Kiosk in der Favela Nanko so ausgelassen umarmt, vor einigen Jahren noch mit einer Kalaschnikow auf dem Moped durch die verwinkelten Gassen der Favela gerast ist. "Hätte ich Nanko nicht gehabt, ich wäre jetzt mit Sicherheit tot. Die Regierung hat doch nichts getan."

Seit November ist das anders. Grund sind die beiden anstehenden sportlichen Großereignisse: Die Stadt am Zuckerhut ist der Austragungsort für das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Nur zwei Jahre später soll hier mit den Olympischen Spielen das größte Sportlerfest der Welt gefeiert werden. Und das will sich Rio und ganz Brasilien als aufstrebende Weltmacht nicht durch schlechte Schlagzeilen aus den Armenvierteln verderben. Die Idee des Gouverneurs des Bundesstaates Rio, Sergio Cabral, und des Bürgermeisters der Stadt, Eduardo Paes, wurde vor gut zwei Jahren gleichermaßen belächelt, wie sie von den beiden ernst gemeint war: Ein Choque de Ordem, ein Ordnungsschock, sollte Rio erschüttern. Schluss mit Pinkeln am Straßenrand, Falschparken und Taschendiebstahl am Strand. Im gleichen Atemzug mit diesen Lappalien wurde auch die "Säuberung der Favelas vom Drogenhandel" genannt. Ein schier unlösbares Projekt, dachten viele. Dann wurde die Favela Dona Marta erfolgreich befriedet, ein durch seine Lage direkt unter der weltberühmten Jesusstatue sehr prestigeträchtiges Armenviertel. Die Zweifler zweifelten dennoch: Ja, sagten sie, die Dona Marta, das ist eine kleine Favela. Aber in den großen Armenvierteln in der Nordzone hat diese Idee keine Chance.

Blutiger Einmarsch

Vor drei Wochen dann der Einmarsch in das Kriegsgebiet. Mit Panzern, Hubschraubern, Bodentruppen wird die Vila Cruzeiro erobert. 350 Mann, darunter 150 der Spezialeinheit "Bope", kämpfen sich in einer mehrtägigen Schlacht hinauf auf den Gipfel der Favela. Die Drogenbosse flüchten in den benachbarten Complexo do Alemão. Ihre Lage ist ernst, kurzfristig wird ein Waffenstillstand zwischen den Erzfeinden Comando Vermelho und dem Kartell Amigos dos Amigos (Freunde der Freunde) geschlossen. Sie müssen die Kräfte bündeln gegen die neue Entschlossenheit der Regierung. Ein gutes Zeichen.

Nach dem blutigen Einmarsch ist die Lage angespannt. Die Spezialeinheiten haben einen Etappensieg errungen. Aber ihnen ist klar, dass dies noch nicht der endgültige Sieg ist. Verteidigungsminister Nelson Jobim möchte noch keine endgültige Erfolgsmeldung abgeben. "Wir, die Führer der Einsatzkräfte und die Politiker, werden uns alle vier Wochen treffen und die nächsten Schritte besprechen. So lange, bis Frieden einkehrt." Der befehligende Oberst der Militärpolizei äußert sich drastischer. "Diese Operation ist keine Frage von Eintritt oder Aufgabe. Wir werden siegen und die Kriminellen festnehmen", sagte Álvaro Garcia.

Rafael hingegen ist glücklich. Nach dem Einmarsch ist erst mal wieder Ruhe eingekehrt in die Vila Cruzeiro. Die Busse fahren, und medizinische Versorgungsbusse werden von der Stadt geschickt. "Vielleicht bekommen wir ein normales geregeltes Leben für alle hier. Ohne Waffen und Drogen. Dann sage ich: Vielen Dank, Olympia!"