Biografie

Prinz William und die kultivierte Kate

Man könnte glauben, Claudia Joseph sei ein wenig besessen. Erst der Artikel in der "Daily Mail", so umfang- und kenntnisreich, dass ein Verlag ein Buch daraus machen wollte. Damals, lange vor der Verlobung. Claudia Joseph schrieb also 272 Seiten voll.

Über das Leben einer Frau, zu dem, wie die Konkurrenz schrieb, den meisten von uns nicht mehr als 70 Wörter einfallen, fielen ihr 70 000 ein. Sie nannte das Buch "Kate Middleton - Princess in Waiting", Prinzessin im Wartestand. Mittlerweile wartet Kate Middleton nicht mehr, und prompt hat Claudia Joseph ein zweites Buch herausgebracht, das jetzt in Deutschland erschienen ist.

Nun, sagt Claudia Joseph, räuspert sich, drückt noch eine ihrer gelben Halstabletten aus dem Blister, die nicht zu wirken scheinen, und lutscht dezent, bevor sie weiterredet. Claudia Joseph trägt ein schwarzes, sehr englisches Kostüm und sitzt auf einem sehr schwarzen Polstermöbel in der Lobby des Berliner "Hotel de Rome". Sie ist heiser. Und gleich will das Fernsehen sie zwei Stunden lang befragen. Nun, sagt Claudia Joseph, das müsse sie klarstellen, die Sache sei ein Missverständnis. Sie habe einfach die erste Version um ein weiteres Kapitel aktualisiert, und nun heißt das Buch "Prinzessin Kate - Die neue Königin der Herzen".

Kate Middletons verzweigte Familie

Wird sie das, die neue Königin der Herzen? "Wissen Sie", sagt Claudia Joseph, "ich finde den englischen Titel viel treffender." Im Original heißt das Buch "The Making of a Princess", Wie ein Prinzessin gemacht wird. Joseph hat den Weg einer Arbeiterfamilie bis hin zum Königshaus nachgezeichnet. Bei der "Daily Mail" hat sich Claudia Joseph einen Namen als Ahnenforscherin gemacht und nach den leiblichen Eltern von Adoptivkindern gesucht. Berühmte Briten wie der Schriftsteller Bernard Cornwell und der vermögende Geschäftsmann Stuart Wheeler haben sich an Claudia Joseph gewandt, damit sie ihre leiblichen Eltern findet. In beiden Fällen war sie erfolgreich. Besonders stolz ist sie, die wahre Identität des Londoner Künstlers Banksy enthüllt zu haben, der durch seine Schablonen-Graffitis in der ganzen Welt bekannt wurde - und stets darum bemüht war, seinen wahren Namen geheim zu halten. Doch dann kam Claudia Joseph.

In ihrem Buch über Kate Middleton hat sie die verschiedenen Zweige ihrer Familie bis in die Zeit von Königin Victoria, der Ururururgroßmutter von Prinz William, zurückverfolgt. Und der genealogische Teil des Buches ist mit Abstand der interessanteste. Wenn es um Kate selbst geht - aber dazu später. Die Biografie beginnt mit ihrer Ururururgroßmutter Jane Harrison, die einer armen Arbeiterfamilie entstammte. Während nach der Ahnin ihres Verlobten ein ganzes Zeitalter benannt wurde, das viktorianische, wurden in die Familie der anderen, 467 Kilometer vom Buckingham Palace entfernt, reihenweise Kinder geboren, die meistens Jane oder John hießen, an Tuberkulose starben oder im Bergwerk verunglückten.

Vom Bergwerk in den Buckingham Palace - weil der Kontrast so toll klingt, ist dieser Teil der Familiengeschichte mittlerweile allgemein bekannt. Der Aufstieg der Harrison-Linie in die Mittelschicht, schreibt Claudia Joseph, ist nur der Hartnäckigkeit von Kates Großmutter Dorothy zu verdanken, die sich mit einem zwar noch nicht wohlhabenden, aber patenten jungen Mann der Familie Goldsmith vermählte. Großmutter Dorothy, berichten alte Bekannte anerkennend und abfällig zugleich, habe sich immer als "etwas Besseres" gefühlt.

Aha, denkt man, daher also. Und man denkt an die Geschichte, dass Kates Mutter eine dieser ehrgeizigen Eltern sein soll, die ihre Kinder auf die besten Schulen zwingen, damit sie irgendwann einen Prinzen heiraten. Bestenfalls.

"Unsinn", sagt Claudia Joseph. Auch dass Kate alles geplant, sich für dieselbe Universität in St. Andrews in Schottland beworben habe, um William kennenzulernen. Kate hatte nur die besten Noten, hatte die Wahl zwischen allen Unis des Landes. Und überhaupt: Als Kate sich für St. Andrews entschieden habe, könne niemand gewusst haben, dass sich auch der Prinz an der Uni - unter dem Namen William Wales - einschreiben würde.

Was ist mit dem Vorwurf, Kate habe beruflich keinen Ehrgeiz bewiesen und nie richtig gearbeitet, sei mit anderen Worten: faul? "Wie soll eine Frau", fragt Claudia Joseph, "einem normalen Job nachgehen, wenn sie mit dem Prinzen liiert ist?" Kate müsse immer aufpassen, wem sie was erzählt, dürfe niemandem vertrauen, würde verfolgt, ausgefragt oder aber, umgekehrt, stets mit Samthandschuhen angefasst.

Der Aufstieg aus dem Proletariat hatte eigentlich nur die Familie von Kates Mutter Carole zu bewältigen. Ihr Vater Michael entstammt einer Familie aus Anwälten und Unternehmern. Als das Paar 1980 heiratete, arbeitete er als Flugkoordinator im Rang eines Piloten in Heathrow, sie als schicke Stewardess bei British Airways, nebenbei verdiente sie Geld über einen Partyservice, den sie von zu Hause aus betrieb. Der Service lief so gut, dass Michael und Carole Middleton Ende der 80er-Jahre das Unternehmen "Party Pieces" gründeten. Auch darüber wurde viel berichtet.

Die ominöse Trennung von 2007

Apropos - aus dem zweiten Buch Mose ist eine in England geläufige Redewendung hervorgegangen. Sie stammt aus dem Abschnitt, in dem der Pharao in Ägypten seine israelitischen Sklaven Arbeit aufhalst, um ihren Glauben zu unterdrücken. Für die Ziegel, die sie herstellen müssen, sollen sie das Stroh nun selbst zusammensuchen, trotz der spärlichen Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen.

Ziegel ohne Stroh machen, etwas herstellen, auch wenn man kaum das Material hat - "to make bricks without straw". Wenn es dafür einen Preis gäbe, schrieb der englische "Guardian", einen "Bricks Without Straw Award", Claudia Joseph hätte die besten Chancen, ihn zu gewinnen. Joseph hat zwar die komplette Familie rekonstruiert, mit allen Namen und Krankheiten und Todesursachen der zahlreichen Familienmitglieder. Aber über Kate selbst kann sie nicht viel mehr sagen, als man ohnehin schon weiß.

Weil es so wahnsinnig viel über die Frau und ihre doch acht Jahre währende Beziehung nicht zu sagen gibt. Und weil niemand aus dem nahen Umfeld der zukünftigen Prinzessin Privates ausplaudern darf. Joseph muss sich mit den Aussagen von entfernten Verwandten und Kommilitonen begnügen. Die erzählen von ihrer Konsequenz, ihrer Kultiviertheit, dass Catherine Middleton viel lernte, viel Sport machte. Dass sie kein Interesse an wilden Partys hatte, aber natürlich keine Spaßbremse sei, dass sie sich immer modisch kleidete, aber niemals offenherzig und so weiter und so fort.

Und der Prinz, der das normale Studentenleben sehr genoss, wird mit ermüdenden Ausführungen über seine Häuslichkeit zitiert. "Ich kaufe viele Sachen", sagt William, "und dann gehe ich nach Hause und sehe, dass all die Sachen, die ich gerade eingekauft habe, kaum in meinen Kühlschrank passen." Für kurze Zeit wenigstens hat er sich aber doch mehr für seine Kollegen interessiert als für Kate. 2007 trennte sich das Paar, "aber kaum einer weiß, dass es nur sieben Wochen waren", sagt Joseph. William war beim Militär, einer Einheit, die berüchtigt ist für wilde Partys. "Und William wollte mitmachen."

Ohne es wirklich zu wollen, ist Claudia Joseph zur Expertin für Prinzessin Kate geworden. Anfragen kommen aus Hongkong, Japan, Brasilien, ganz Europa sowieso. Man merkt ihr irgendwie an, dass sie gern mal wieder was anderes machen würde. Ist dieses ganze Prinzessinnending nicht etwas zu leicht für sie? Claudia Joseph lacht kurz und heiser und blickt verlegen. "Das kann ich doch jetzt hier nicht so sagen", sagt sie und drückt noch eine Lutschpastille aus der Packung.