Umwelt

Der Jordan geht bald über den Jordan

Was für ein Abenteuer: Mit einem Boot schoss der US-Offizier William Lynch förmlich den Fluss Jordan hinunter - durch Stromschnellen und kleine Wasserfälle. Das war 1847. Aus dem mächtigen Fluss von einst ist eine Kloake geworden - ein Rinnsal, das an vielen Stellen nur noch bis zum Knöchel reicht.

Umweltschützer schlagen Alarm, weil der Jordan bereits im kommenden Jahr ganz austrocknen könnte. Erstmals zeigen sie in einer Studie, wie der biblische Fluss vor dem Kollaps bewahrt werden könnte.

Rund 420 Meter unter dem Meeresspiegel schlängelt sich der Fluss im Jordantal an der Grenze zu Jordanien entlang. Der Begriff Jammertal wäre passender. Vor rund 2000 Jahren wurde der biblischen Überlieferung nach Jesus im Jordan getauft. Heute raten Sicherheitskräfte und Umweltschützer den Pilgern dringend davon ab. Das an "historischer Taufstelle" knapp sieben Meter breite Flüsschen sieht nicht nur unappetitlich bräunlich aus, sondern ist tatsächlich völlig versifft.

"Ein heiliger Fluss ist zu einem Abwasserkanal geworden. Wer hier reingeht und kleine Wunden oder Risse in der Haut hat, muss mit Ausschlag rechnen. Wer Wasser schluckt, bekommt Probleme mit dem Magen und Durchfall", sagt der Direktor der überregionalen Umweltorganisation Friends of the Earth Middle East, Gidon Bromberg. Ein russischer Pilger aus Moskau schlägt dagegen mutig alle Warnungen in den Wind. Klar, viele Pilger heben das Taufhemd aus dem Jordan als letztes Gewand für die Beerdigung auf.

98 Prozent des Wassers abzweigen

Bromberg zeigt historische Zeichnungen und Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert. Da maß der stolze Jordan noch 65 Meter. "Heute ist er an einigen Stellen nur noch knöcheltief, und man hat schon Mühe, überhaupt Wasser zu sehen." Damals säumten Pappeln und Weiden die Ufer. Vorbei ist es mit der Idylle. "Die Artenvielfalt hat sich halbiert", sagt Bromberg.

Was ist bloß geschehen? Mit dem Bau eines Damms in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts griff der Mensch erstmals in das Ökosystem ein. Jetzt droht dem Unterlauf des Jordan sogar das Todesurteil: Ende durch Austrocknen. Das ganze Drama liest man in einem neuen Bericht, den Umweltorganisationen aus Israel, Jordanien und dem palästinensischen Westjordanland am Montag vorgelegt haben. Danach zweigen Israel, Jordanien und Syrien jedes Jahr 98 Prozent der rund 1,3 Milliarden Kubikmeter Wasser aus dem Jordan und dessen Zuflüssen ab. Israel konsumiert mit 46 Prozent am meisten.

Ausgerechnet der Fortschritt könnte alles noch schlimmer machen. Israel baut Klärwerke, um wenigstens sein Abwasser zu behandeln. "Wird das Abwasser zurückgehalten und geklärt und danach für die Landwirtschaft genutzt, dann trocknet der Fluss im kommenden Jahr ganz aus; falls ihm kein Frischwasser zugeführt wird", sagt Bromberg.

Um den Unterlauf des Jordan vor dem drohenden Kollaps zu bewahren, haben Umweltschutzverbände mithilfe israelischer, jordanischer und palästinensischer Wissenschaftler ein Hilfspaket geschnürt. Mindestens ein Drittel der 1,3 Milliarden Kubikmeter Wasser, die der Jordan vor Eingriff des Menschen jedes Jahr führte, müssen dem Fluss zurückgegeben werden. Alles hänge jetzt vom Willen der Politiker ab. Umweltschützer setzen in erster Linie auf Wasser sparen.

Nur eins ist ganz klar: So abenteuerlich oder idyllisch wie früher wird es im Jordantal nie wieder aussehen. "Keine Chance", sagt Bromberg.