"Dr.-Sommer-Studie" der "Bravo"

Große Sehnsucht nach Romantik

Das musste ja so kommen. René (15) fragt Dr. Sommer, die zentrale Aufklärungsinstanz der Jugendzeitschrift "Bravo", wie "normales Sperma" aussehen muss, seins sei "mal durchsichtig und mal ganz trüb".

- In der aktuellen Ausgabe sieht man dazu einen Jungen, der durch ein Mikroskop auf ein paar weißliche Tropfen Flüssigkeit schaut wie Generationen vor ihm auf einen sezierten Maikäfer. Aber "Feuchtgebiete" sind - seit Charlotte Roche und ihrem Bestseller - nun mal ein Thema. Die Mädels reden dauernd drüber. Da ist es nur normal, dass sich auch Jungs für Körpersekrete interessieren.

Nichts Besonderes, kein Grund zur Beunruhigung auch für Chefaufklärer Dr. Sommer, der seit 40 Jahren pubertierenden Teenagern in der "Bravo" Rede und Antwort steht. Es gibt andere Entwicklungen, die dem Team aus Pädagogen, Psychologen und Therapeuten, das sich hinter dem Namen Dr. Sommer verbirgt, tatsächlich Kopfzerbrechen bereiten. Und diese Entwicklungen haben erstaunlicherweise nichts mit der vielfach beklagten Übersexualisierung zu tun, wie Marthe Kniep, Leiterin des Dr.-Sommer-Beratungsteams, in München sagte. Das größte Problem, mit dem Teenager im Alter zwischen elf und 17 Jahren in Deutschland zu kämpfen haben, ist ein zunehmend gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper, sagte sie bei der Vorstellung der "Dr.-Sommer-Studie 2009 - Liebe! Körper! Sexualität!"

Zum zweiten Mal nach 2006 hatten "Bravo" und Dr. Sommer zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut Iconkids.&.youth Jugendliche nach ihren intimen Erfahrungen gefragt. 366 Interviewer wurden losgeschickt, 1228 Teenager befragt. Fazit: Es ist gar nicht der Sex, um den sich heutzutage bei jungen Leuten alles dreht. Es sind die Ansprüche an sich selbst.

So ist zwar die große Mehrheit der pubertierenden Teenager, nämlich 78 Prozent, nach gängigen Kriterien wie dem Body-Mass-Index (BMI) absolut normalgewichtig. Sie selber aber sehen das anders - und sind dabei im Vergleich zur Studie aus dem Jahr 2006 sogar noch kritischer geworden.

Während immerhin zwei Drittel der Jungs ihren Körper "im Allgemeinen vollkommen okay" finden, sind über die Hälfte der Mädels damit unzufrieden und sehen nur Problemzonen ("Bauch, Beine, Po, Brüste"). Wer schlank ist, ist automatisch beliebter, glauben 72 Prozent. Sogar Elfjährige fangen deshalb an zu hungern: "Ein Drittel der befragten Mädchen, aber auch zehn Prozent der Jungs zwischen elf und 17 haben schon mal eine Diät gemacht", sagt Marthe Kniep. Die Teenager von heute neigen weniger zum Ausbruch oder zur Opposition. Sie sind mehr Opfer der Verhältnisse. Folgen dem herrschenden Schlankheitsideal. Und reagieren auf die Krise, die mit materiellen und finanziellen Einschränkungen in vielen Familien verbunden ist, mit einem stärkeren Bedürfnis nach Geborgenheit in einer Partnerschaft. "Die Dr.-Sommer-Studie 2009 zeigt eine große Sehnsucht der Jugendlichen nach Romantik und Liebe sowie den Wunsch nach Bindung und Nähe", sagt Marthe Kniep. Über die Hälfte der Mädchen (53 Prozent) und ein Drittel der Jungs (32 Prozent) verlieben sich heute mit elf zum ersten Mal. Das sah vor drei Jahren noch ganz anders aus - damals war es ein Viertel der Mädchen (25 Prozent) und ein verschwindender Prozentsatz der Jungs (5 Prozent), die mit dem Begriff des Verliebtseins etwas anfangen konnten. Auch ihre erste Partnerschaft gehen Jugendliche heute früher ein als vor drei Jahren, nämlich zwischen 13 und 15 und nicht, wie noch 2006, zwischen 15 und 17. Das Dr.-Sommer-Team spricht deshalb jetzt von einer "Generation Sehnsucht".

Wissenslücken zeigten die Jugendlichen beim Thema Verhütung. Jeder Fünfte hält Aufpassen für eine geeignete Methode. Gleichzeitig verdoppelte sich im Vergleich zu 2006 die Zahl derer, die manchmal komplett auf Verhütung verzichten - von damals 14 auf jetzt 28 Prozent.

Von einer "Generation Porno" dagegen, wie sie vielfach angesichts des de facto unkontrollierbaren Zugangs junger Leute zu pornografischen Inhalten beschworen wird, könne keine Rede sein, sagt Marthe Kniep. Jugendliche seien immer schon neugierig gewesen. Und sie haben sich das, was sie sehen wollten, immer schon beschafft. Da unterscheiden sie sich in nichts von ihren diversen Vorgängergenerationen.