Methanol

Raki-Skandal erschüttert die Türkei

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Boris Kalnoky

Zuerst schockierten die Schlagzeilen nur Deutschland. Drei deutsche Schüler mussten sterben, weil sie im türkischen Urlaubsort Kemer an gepanschten Alkohol gerieten.

- Noch ist nicht endgültig geklärt, ob ihnen der mit Methylalkohol versetzte Schnaps im Hotel serviert wurde oder sie den illegalen Billigfusel in einem Laden kauften.

Die türkischen Medien reagierten zunächst verhalten, die Aufregung in Deutschland wurde gar andeutungsweise als Boshaftigkeit gegenüber allem Türkischen interpretiert, die Schuld bei den Schülern vermutet - das inoffizielle Motto: Warum müssen die auch so viel saufen? Inzwischen wird aber immer klarer, dass gepanschter Alkohol in der Türkei ein großes Problem darstellt. Elf Menschen starben laut Angaben der Regierung seit Anfang März, einige bereits vor den drei Deutschen. Der neueste Todesfall ereignete sich am 10. April. Verbraucher werden gewarnt, vorsichtig zu sein, wenn sie Raki kaufen.

Es ist der größte Skandal um illegalen Alkohol seit 2005. Damals starben 22 Menschen, drei Täter wurden zu je acht Jahren Haft verurteilt. Die Behörden haben ihre Kontrollen seit Anfang März drastisch verschärft, obwohl bereits seit dem Methanolskandal von 2005 harte Kontrollen und ein strengerer Strafenkatalog gelten. Die Bilanz seit 2005 ist erschreckend: Bei mehr als 2300 Kontrollen wurden 229 Strafen verhängt, 24 Hoteliers kamen vor Gericht. In Hotels, Restaurants und Geschäften wurden 264 000 Flaschen mit illegalem Alkohol sichergestellt.

Jede Flasche wird registriert

Hoteliers versicherten der Berliner Morgenpost, dass die Kontrollen fast perfekt sind. Hakan Ergir, Besitzer des Hotels "Kale Han" in Selcuk, sieht nicht, wo noch etwas verbessert werden kann: Legale Flaschen sind mit einer Steuerbanderole versehen, der Flaschenmund ist so geartet, dass man nichts nachfüllen kann - und alles wird häufig nachgeprüft. Auch die Banderolen könne man nicht ohne Weiteres fälschen: Sie müssen maschinenlesbar sein. Jede Flasche wird intern registriert, damit Kellner nicht verdünnen oder zu viel ausschenken.

Das alles war aber im Jahr 2005 nicht das Problem, sondern der Diebstahl von 500 000 Steuerbanderolen. Damit sah der gepanschte Fusel legal aus.

"In der Regel arbeiten fast alle Hotels mit großen und bekannten Getränkeherstellern, so wie wir es auch tun", sagt Sahin Yilmaz, Nahrungsmittel- und Getränke-Manager beim "Club Resort Select Maris". Das sei der sicherste Schutz gegen illegalen Alkohol, beim Hersteller hat man auch die Gewähr regelmäßiger staatlicher Qualitätskontrollen. Falls wirklich im Hotel der deutschen Schüler Gift statt Alkohol ausgeschenkt wurde, so ist das nach Yilmaz' Meinung ein Rätsel. "Die einzige Erklärung könnte sein, dass hin und wieder Hotels, aber eher die kleineren, sich bei Läden und Kiosken ein oder zwei Kartons Raki besorgen, weil ihnen die Getränke ausgegangen sind. Dies ist allerdings unprofessionell."

Große Hotels werden kaum geprüft

Ergir glaubt, das Problem sei nicht vollkommen lösbar, "selbst wenn man die Todesstrafe verhängt: Gepanschte Getränke wird es immer geben. Denn es gibt immer Menschen, die meinen, damit Geld verdienen zu können, und Käufer, die glauben, dadurch Geld zu sparen." Schwachstellen bei den Kontrollen mag es auch geben. Zwei Tourismusprofis sagten der Berliner Morgenpost, dass in den ganz großen Hotels am wenigsten kontrolliert wird: "Alkoholreinheit wurde bislang nie im Hotel überprüft", meint Dieter Schenk, Tourismusdirektor der Firma Turkon Holding. "Solche Machenschaften hat es bisher ja auch noch nie gegeben." Auch Hakan Ergir sagt: "In den wirklich großen Hotelketten und Club-Hotels wird bestimmt nicht kontrolliert, da diese einfach in jedem kleinen Detail auf Qualität achten müssen." Die Kapazität der Behörden ist begrenzt, man konzentriert sich da lieber auf Bereiche, wo Missbrauch eher vermutet wird.

Dass das Problem aber beseitigt werden muss, darüber sind sich die Tourismusprofis und Hoteliers mehr im Klaren als der Staat selbst. Morgen wollen Hoteliers der türkischen Mittelmeerküste zu einem Krisentreffen zusammenkommen, um über das Problem zu beraten.