Gewalt

Tödliche Schießerei im Gericht

Franz-Josef N. kam unbehelligt ins Landshuter Gerichtsgebäude. Ohne durch die für Strafprozesse vorgeschriebene Metallschleuse hindurchgehen zu müssen, lief der Koch aus Dingolfing gestern Morgen zum Sitzungssaal 8 im ersten Stock des Landgerichtes.

- Er kannte den Weg gut: Schon seit Jahren lag er wegen einer Erbschaft im Clinch mit seinen sechs Geschwistern. Diesmal wollte der 60-Jährige Rache nehmen, versteckte deshalb einen Revolver unter seiner Jacke. Dann zog er mit sechs Schüssen seinen persönlichen Schlussstrich.

Für neun Uhr war er geladen. Zunächst ging alles seinen gewohnten Gang: Franz-Josef N. sollte nach Angaben von Gerichtspräsident Karl Wörle Auskunft darüber erteilen, wie hoch sein Erbteil gewesen ist. Gegen zehn Uhr unterbrach der Richter die Sitzung. "Der spätere Täter fragte noch, ob er den Sitzungssaal verlassen dürfe", so Wörle. Draußen auf dem Flur zog er seinen Smith-&-Wesson-Revolver und feuerte los.

Gegen 10.15 Uhr ging der Notruf bei der Polizei ein: "Schusswaffengebrauch im Landgericht." Das dreistöckige Justizgebäude am Rande der Landshuter Innenstadt wurde sofort großräumig abgesperrt, Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen bezogen Stellung. Doch die Beamten sollten keinen einzigen Schuss abfeuern. Stunden später die Entwarnung: Der befürchtete Amoklauf stellte sich als Eskalation eines Familienstreits heraus.

Lange blieb die Situation unübersichtlich. Erst allmählich kristallisierte sich heraus, was sich auf dem Gerichtsflur vor Sitzungssaal 8 abgespielt hatte: Demnach hatte Franz-Josef N. zunächst per Kopfschuss seine 48 Jahre alte Schwägerin Brigitte G. niedergestreckt. Sie konnte noch wiederbelebt werden, starb dann aber im Gerichtsgebäude. Der Täter feuerte danach auch auf einen Rechtsanwalt und eine weitere Schwägerin. Nach den Schüssen auf dem Flur lief er wieder in den Sitzungssaal 8, wo Richter und Rechtsanwalt gerade wegen einer anderen Sache miteinander sprachen. Er setzte sich vor deren Augen die Pistole an die Schläfe und drückte ab. "Zuvor muss er noch versucht haben, seinen Revolver nachzuladen", sagte Kriminalrat Karl Schröcker. Darauf wies eine am Tatort gefundene Patrone hin.

Zeugen flohen in Panik teilweise durch die Fenster des Landgerichts. Die Bediensteten wurden per Telefon dazu aufgefordert, ihre Räume abzuschließen und nicht zu verlassen. Erst gegen 13 Uhr kam über Lautsprecher die Entwarnung.

Während gegen 14 Uhr Bestatter die beiden Leichen abtransportierten, durchsuchten Kripo-Beamte im 25 Kilometer entfernten Dingolfing die Wohnung von Franz-Josef N. Dort entdeckten sie auch den ordnungsgemäß versperrten Waffenschrank des Sportschützen. Kriminalrat Schröcker: "Er war berechtigt, eine Kleinkaliber-Langwaffe, eine Kleinkaliber-Sportwaffe und eben die Tatwaffe vom Kaliber 3,57 Magnum zu führen." Zudem wurde ein Abschiedsbrief des Täters entdeckt. Darin soll Franz-Josef N. seine Tat mit einer Jahre langen Drangsalierung durch zwei Schwestern seiner Frau und deren Ehemänner erklärt haben. Bis auf das Zivilverfahren war Franz-Josef N. für Polizei und Justiz bis gestern ein unbeschriebenes Blatt. Er führte bis vor wenigen Jahren eine Gaststätte in Oberspechtrain. Von seiner Frau soll er geschieden gelebt haben.

Nachbarn reagierten geschockt auf die Nachricht. "Das hätten wir dem Franz nie zugetraut." Auch Landgerichtspräsident Wörle sagte fassungslos: "Wir hatten nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine Gefährdung." Auch im Verlauf der Sitzung habe Franz-Josef N. keinerlei Aggressionen gezeigt. Selbst das Erbe taugt offenbar nur bedingt als Erklärung für die Eskalation: Es soll um 200 000 D-Mark gegangen sein.

Nach den Schüssen begann in Bayern eine Debatte um den richtigen Schutz der Behördenmitarbeiter: "Wir werden die Sicherheitsvorkehrungen auf den Prüfstand stellen müssen", sagte Staatskanzleichef Siegfried Schneider. Das hatte man in Landshut schon einmal angekündigt: 1992 hatte ein 52-Jähriger aus Wut über Unterhaltsverpflichtungen die Rechtsanwältin seiner Ex-Frau erstochen.