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Märklin-Fans wollen "ihre" Firma retten

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Uta Keseling

Der Modellbahn-Freund richtete seinen Brief direkt an die Geschäftsleitung. Er wolle Märklin eine Spende zukommen lassen, "150 Euro - für jedes Jahr des Firmenbestehens einen".

- Andere Kunden boten dem schwäbischen Modellbahnbauer, der vergangene Woche Insolvenz anmeldete, zinslose Kredite an, die nächsten kauften "paketeweise Schienen und Signalanlagen": Roland Gaugele, Sprecher des schwäbischen Traditionsbetriebes, versucht, nicht allzu gerührt zu klingen.

Es hört sich an, als müsse der Untergang einer heilen Welt verhindert werden, einer Welt im Modell 1:87, Spurweite H0. Besorgte Modellbahnfreunde bombardierten mit ihren Anfragen die Homepage des Konzerns, bis sie abstürzte - sie wollten nur Nachschub bestellen. "Das Geschäft läuft wie sonst nur an Weihnachten", sagt Gaugele.

Der Sprecher steht mit dem Handy neben den immergrünen Bergen einer Modellbahnanlage in der Göppinger Märklin-Erlebniswelt. Fernsehsender waren da, die größte japanische Zeitung hat einen Reporter geschickt. Allen hat Gaugele versichert: Die Produktion gehe weiter. Die Löhne seien für die nächsten drei Monate gesichert. Die 650 Mitarbeiter im Göppinger Werk seien besorgt, "aber sehr motiviert, dass es weitergeht". Roland Gaugele, 57 Jahre alt, arbeitet seit 30 Jahren in dem Unternehmen. Für die Nürnberger Spielwarenmesse hatten er und seine Kollegen sich mit drei neuen "Krokodilen" gewappnet: Loks nach historischem Vorbild in limitierter Auflage von 1859 Stück. 1859 ist das Gründungsjahr der Modellbahn-Firma. 2009 könnte ihr letztes sein.

1499 Euro kosten die drei "Krokodile". Doch das Unglück der schwäbischen Spielzeugeisenbahn sind nicht allein hohe Verkaufspreise. Das spießige Image ist sprichwörtlich, die Kundschaft wird älter, und dann die Krise. Seine Firma habe selbst die Weltwirtschaftskrise 1929 unbeschadet überstanden, erwidert Gaugele: "Sammler mit Geld wird es immer geben." 2006 stand der Konzern schon einmal vor der Pleite, der britische Investor Kingsbridge stieg ein. Insolvenzverwalter Michael Pluta setzte nun als Erstes die teuren Berater vor die Tür. Inzwischen hätten sich Dutzende Kaufinteressenten gemeldet, heißt es. Ab April wolle man versuchen, einen Käufer zu finden.

Märklin-Sprecher Gaugele bleibt vorerst nur, über die Bahnen zu sprechen, in denen seine Welt bisher verlief. Göppingen, gelegen am Rande der kargen Schwäbischen Alb, kam durch die Metallverarbeitung zu Wohlstand. Knapp 60 000 Einwohner leben heute hier, viele Firmen, auch Modellbahn-Konkurrenten, sind längst wieder verschwunden. Nun ist Märklin das wichtigste Gesprächsthema. Göppingens Bürgermeister kündigte gerade trotzig eine "Solidaritätsausstellung" im Rathaus an: "Wir wollen zeigen, dass Göppingen zu Märklin steht."

In der Märklin-Erlebniswelt stehen in einer Glasvitrine die großen, historischen Lokomotiven, behäbig und rund, wie dicke Tanten. Nur eine macht einen höchst mitgenommen Eindruck: total zerknautscht, nur noch ein Haufen buntes Blech. "Sie fiel 1938 während des Weihnachtsgeschäfts aus einem Postzug und wurde vom Gegenzug überrollt", kommentiert Roland Gaugele. Nach dem Unfall habe man sie ins Archiv aufgenommen. Irgendjemand muss geahnt haben, dass selbst heile Welten wie die der Modellbahn nicht ohne Katastrophen auskommen.