Die Reue der Witwe

Nürnberg - Die Termine sind kollidiert: Statt in der Pro7-Show "Promi-Schweiß und Edelweiß" aufzutreten, muss sie im nüchternen Saal 619 des Nürnberger Amtsgerichts erscheinen: Tatjana Gsell, geborene Tanja Gick, 33 Jahre, angeklagt wegen versuchten Versicherungsmissbrauchs und Betrugs, Vortäuschen einer Straftat und Unterschlagung. Die schlanke Frau wirkt apart mit ihrem weißen Kostüm, hochhackigen Pumps und einem Perlen-Halsband. Das lange, sehr blonde Haar wird von einer glitzernden Spange gebändigt. Als Beruf nennt sie Diplom-Kosmetikerin. Problematischer scheint die von Richterin Ute Kusch gestellte Frage nach der "aktuellen Tätigkeit": Da nuschelt Frau Gsell, die auffällig vollen Lippen gespitzt, etwas von Medien und so..." Unverständnis. Schulterzucken. Unsicherheit bei Gsell. Bis Verteidiger Steffen Ufer verbal zu Hilfe eilt und von "Promotion" berichtet "für alle möglichen Sachen".

Ufer verliest dann auch gleich zu Prozessbeginn eine Erklärung. Und wer den am 27. April 2004 verhängten Strafbefehl kennt, weiß: Das ist ein Geständnis. Es ist die Geschichte von Tatjana Gsell und ihrem damaligen Freund, dem Autohändler Helmut Becker, die seit Monaten auf Marbella leben und total verschuldet sind. Gsell will schließlich ihren in Nürnberg geparkten Mercedes 500 SL verkaufen und schaltet eine Anzeige. Es melden sich dubiose Autohändler, die 30 000 Euro bieten und suggerieren, Frau Gsell könne den 100 000 Euro teuren Wagen ja später als gestohlen melden. Gesagt, getan. Und sogar der gehörnte Ehemann Franz Gsell, der seine 45 Jahre jüngere Frau wieder haben möchte, spielt mit. Es soll ihn das Leben kosten.

Denn als die Ganoven am 5. Januar in der Villa des Schönheitschirurgen a.D. erscheinen, haben sie die verabredeten 30 000 Euro nicht dabei. Gsell weigert sich, die Autoschlüssel heraus zu geben. Er wird attackiert. erleidet Rippenbrüche und eine Lungenquetschung. Der 76-Jährige ist noch in der Lage, bei einem vorgetäuschten Überfall mitzuhelfen. Doch am 26. März 2003 stirbt er im Krankenhaus. Einen Monat später wird Tatjana Gsell wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Totschlag verhaftet und verbringt 173 Tage im Frauengefängnis zu Nürnberg.

Später wurde erkannt, dass der Anschlag eine Eigendynamik bekommen hatte, von der sie in ihrem Hotel auf Marbella nichts wissen konnte. Darum auch nur ein Strafbefehl über 72 000 Euro und eine einjährige Bewährungsstrafe. Warum jedoch, stellt sich die Frage, hat sie die Strafe nicht akzeptiert. Soll es wirklich, wie ihr zweiter Verteidiger Alexander Seifert erklärt, an der zu hohen Geldsumme liegen? Immerhin hat Frau Gsell von ihrem Gatten knapp drei Millionen Euro geerbt. Oder ist es der Drang nach Öffentlichkeit? Um diesen Preis?

Stimmiger klingt da die These des Anwaltes Martin Leymann-Brauer, der den suspendierten Staatsanwalt Stefan M. vertritt: "Hätte Frau Gsell den Strafbefehl angenommen", sagt er, wäre sie in diesem Verfahren plötzlich Zeugin gewesen und hätte alle unbequemen Fragen beantworten müssen. Vor allem die des Stefan M., eines Jugendfreundes, dessen Verbundenheit zu der kapriziösen Frau weit über diese Rolle hinaus ging: "Ich habe sie geliebt", beteuert der 33-Jährige, der noch immer bei seiner Mutter lebt, vor Gericht. Stefan M. soll für Tatjana Gsell am 5. Januar in der Villa gewesen sein und falsche Spuren gelegt haben: eine Axt und ein Marmeladenglas rumänischer Herkunft im Garten; Fesseln für den angeschlagenen Gsell, um einen Überfall vorzutäuschen. Stefan M. streitet das ab. Kann auch nicht logisch erklären, warum er im Juli 2003 gestand, am Tatort gewesen zu sein: Er sei zu dieser Aussage quasi gezwungen worden, behauptet der Volljurist. Man habe gedroht, ihn ansonsten einzusperren. Er meidet den Blickwechsel mit der einst so geliebten Frau. Sie indes sucht ihn. Immer wieder. Als wolle sie Stefan M. beschwören: Gib endlich auf.