Tagebuch eines langen Sterbens

Von Antje Hildebrandt Berlin - Es muss der 6. Dezember 2007 sein, als ihm sein Leben endgültig entgleitet.

Von Antje Hildebrandt Berlin - Es muss der 6. Dezember 2007 sein, als ihm sein Leben endgültig entgleitet. In seinem Notizbuch wird Peter Z. notieren, heute müsse wohl Nikolaus sein. So genau weiß er das jedoch nicht mehr. Peter Z. hat schon seit Wochen keinen Bissen Nahrung mehr zu sich genommen, von der Öffentlichkeit unbemerkt, ist er in einen Hungerstreik getreten. In einem Notizbuch protokolliert er seinen eigenen Verfall mit der Genauigkeit eines Forschers, der einem Insekt beim Sterben zusieht. Wie er abmagert. Wie er spürt, dass langsam das Gefühl aus seinen Gliedmaßen schwindet. Er schreibt über den Geschmack, wenn die Galle hochkommt, wenn er in seinem ausgetrockneten Körper nur noch Schleim im Mund spürt.

Akkurat bis zum Schluss

Randvoll hatte der 58-Jährige das DIN-A5-Buch mit dem dunkelblauen Plastikeinband beschrieben, und so eng, dass man auf den Seiten kaum noch weiße Lücken erkennen konnte. Akkurat bis zum Schluss hatte der Mann seine Beobachtungen zu Papier gebracht.

Peter Z. hockt auf einem Hochsitz am Rande eines Fichtenwäldchens im Solling, in der Nähe eines Dorfes namens Schlarpe. Der Hochsitz ist überdacht, er wird von drei Seiten von Brettern umschlossen, nur 30 Zentimeter breite Sehschlitze geben den Blick in die Natur frei. Einen Steinwurf entfernt führt ein Erlebnispfad durch den Wald. Er wird von Joggern und Spaziergängern frequentiert. Peter Z. hätte um Hilfe rufen können. Er hat es nicht getan. Er hat beschlossen, zu sterben.

"Der schläft", war der erste Gedanke des Jägers, der ihn dort am vergangenen Freitag gefunden hat. Z. lag auf dem Rücken, die Beine angewinkelt, die Hände hinterm Kopf verschränkt. Durch den Mangel an Flüssigkeit und die Kälte war der Leichnam mumifiziert. Mindestens 24 Tage, wird die Polizei später rekonstruieren, hat Peter Z. auf dem Hochsitz verbracht und darauf gewartet, zu sterben. Die, die ihn näher kannten, sagen heute, es wundere sie nicht. Sein Tagebuch ist sein Vermächtnis. Es ist die Chronologie eines angekündigten Todes. Peter Z. war 58 und geschieden. Bevor er sich an einem Tag im Oktober aufmachte und 100 Kilometer von seiner Wohnung in Hannover in den Solling radelte, hatte er einen Termin im Arbeitsamt. Sein Arbeitslosengeld war ausgelaufen. Z. hätte Hartz IV beantragen können oder gleich Frührente. Doch er erschien nie im Jobcenter. Die Geschäftsführerin einer Firma für Hängestühle, für die er jahrelang Auftritte auf Messen organisiert hatte, sagt: "Das hätte er nie getan." Der Peter sei schon immer zu stolz gewesen, um sich helfen zu lassen. Ein Einzelgänger, der gut reden und noch besser schreiben könne. Witzige Geschäftsberichte über Messen habe der verfasst. Doch nach einem erfolgreichen Messetag habe er sich lieber in die Natur zurückgezogen, als mit Geschäftsfreunden ein Bier trinken zu gehen. In seiner Freizeit habe er am liebsten gelesen. Philosophische Bücher oder Landschaftsbeschreibungen. Einladungen zum Essen habe er nur zögernd angenommen. "Für ihn war das schon ein Almosen."

Man hört, wie die Frau am Telefon schluckt. Sie hat seit zwei Jahren nichts mehr von ihm gehört.

Kein Kontakt zur Familie

Als sich ihre Firma vor zwei Jahren von Z. trennte, weil sich das Messegeschäft nicht mehr lohnte, brach der Kontakt ab. Z. lebt damals noch in einem Dorf bei Lübeck. Als Vertreter im Außendienst ist er selten zu Hause, seine Ehe zerbricht. Auch der Kontakt zu seiner Tochter Joana wird immer loser. Die Geschichte des Peter Z. ist keine Geschichte über die Folgen von Hartz IV. Sie erzählt von einem individuellen Schicksal. Es geht um einen Mann, dem das Leben Stück für Stück entgleitet. "Er hat kein Zuhause mehr gehabt", sagt der Jäger, der ihn auf einer Matratze im Hochsitz fand, ein Tagebuch neben sich. Tatsächlich hat ihn niemand vermisst, als er im Oktober zu seiner letzten Radtour aufbrach. Die geschiedene Frau von Z. hat wieder geheiratet, seine erwachsene Tochter sagt, ihr Vater habe den Kontakt zu ihr schon vor Jahren abgebrochen. Joana Z. soll jetzt das Tagebuch erhalten, das seinen Hungertod dokumentiert. So hat es Peter Z. verfügt. Der Polizei soll Joana Z. gesagt haben, sie lege keinen Wert auf sein Vermächtnis.

Mitarbeit: Karsten Kammholz