Prominente

Kein Nachruf auf Amy Winehouse

| Lesedauer: 6 Minuten
Shila Behjat

Vielleicht ist das der letzte Artikel über die lebende Amy Winehouse. Wenn dieses wunderbare und leider auch wahnsinnige 24 Jahre alte Mädchen so weiter macht, ist ihr viel zu früher Tod unausweichlich. Das wissen ihre Fans, ihre Familie, ihre Freunde.

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Amy Winehouse, die vergangene Woche erneut nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus musste, leidet an einer Lungeninfektion, atmet nur noch mit 70 Prozent ihrer Kapazität. Sie hat Herz-Rythmusstörungen und spuckt Blut. Hinzu kommen Depressionen und Selbstverletzungen. Es gibt Bilder, auf denen sie sich hemmungslos bei Kentucky Fried Chicken eindeckt, manchmal isst sie wochenlang nichts. Und dann sind da noch die Drogen, der Alkohol. Noch nie konnte die Welt so an der Selbstzerstörung eines Künstlers teilhaben.

"Man weiß nie, ob sie die nächste Nacht übersteht oder die nächste Stunde", sagt der Fotograf Alan Chapman. Im April 2007 wartete er vor der Tür eines Londoner Clubs, wo Amy ein Konzert gegeben hatte. Als alle Fans und Paparazzi abgezogen waren, fragte er die Sängerin, ob er ein paar Fotos machen könnte. "Sie sagte 'Ja'. Dann streckte sie die Hand aus und stellte sich vor: 'Ich bin Amy'. Das ist heute nicht mehr denkbar." Denn nur vier Monate später verließ Amy Winehouse in der Nacht ihre Suite im Sanderson-Hotel, klaffende Wunden an den Armen, auf den Ballerinas Blutspritzer. Es soll zum Streit mit Ehemann Blake Fielder-Civil gekommen sein, Drogen, Alkohol, ein Messer. Die dürre Frau irrte umher, kaufte eine Schachtel Zigaretten, die Paparazzi drückten ab, der Wettlauf um den besten Amy-Abschuss hatte begonnen. Am nächsten Morgen war sie auf den Titelseiten der Boulevardblätter. Seither immer wieder Amy. Wie sie pöbelt, kotzt, prügelt oder wie sie "ihren Blake" im Gefängnis besucht, wo er eine Haftstrafe wegen Körperverletzung und Erpressung absitzt. Vor ihrem Haus in Camden stehen um die 40 Paparazzi. Der größte Coup wäre es, eine tote Amy Winehouse abzulichten. "Damit könnte ich mich zur Ruhe setzen. Wenn ich es exklusiv hätte", sagt einer.

Vermögen von 13 Millionen

Amy Winehouse hat es mit 24 bereits zu mehr Erfolg gebracht, als andere in ihrem ganzen Leben. Mit einem geschätzten Vermögen von rund 13 Millionen Euro landete sie 2008 erstmals auf der "Sunday Times Rich List". Doch spätestens 2005 soll sie Alkoholikerin geworden sein. Als im Jahr darauf ihre Großmutter Cynthia starb, kamen härtere Drogen dazu. Cynthia hatte Amys Eltern - ein Taxifahrer und eine Apothekerin - dazu überredet, ihre neunjährige Tochter an einer Kunst- und Theaterschule anzumelden. Ihr Verlust, so die Eltern, habe Amy aus der Bahn geworfen.

Mit ihrem Leben zwischen Sensation und Selbstzerstörung, Ruhm und Elend ist Amy Winehouse eine jener Seelen, deren Talent zugleich Gnade und Fluch ist: Kurt Cobain, Jim Morrison, Janis Joplin.

Mit 14 Jahren schrieb Amy Jade Winehouse ihre ersten Liedtexte. Sie wurde von Simon Fuller unter Vertrag genommen, dem "Macher" der Spice Girls. 2003 kam ihr erstes Album "Frank". Bis auf zwei Cover-Songs hatte Amy an allen Liedern mitgeschrieben, eine Mischung aus Jazz und Soul, die durch ihre einzigartige Stimme ein Überraschungserfolg wurde ihr die erste Brit Awards Nominierung einbrachte. Dann aber versank sie: Im Leben der Bohemien im Kreativen- und Party-Viertel Camden, um völlig verändert wieder aufzutauchen: Aus dem wohlproportionierten hübschen Mädchen wurde eine Comic-Figur: erschreckend dünn, die Haare toupiert, die Arme übersäht mit Seemanns-Tätowierungen.

Der internationale Durchbruch gelang ihr mit dem zweiten Album "Back to Black". Ihre Texte dokumentieren Liebe, Schmerz, Alkohol, Entzug. Amy gewann fünf Grammys, brach sämtliche Verkaufsrekorde, und trat mit ihrem Idol Prince auf, der sie als "große Künstlerin" lobte. Seither wollen alle mit Amy arbeiten, singen, produzieren.

Doch es gibt die dunkle Seite: In einer Bar hatte Amy jenen Mann kennen gelernt, den ihre Familie und Freunde für die rasante Talfahrt in ihrem Leben verantwortlich machen. Blake Fielder-Civil, notorischer Schnorrer mit einem Hang zu roher Gewalt ließ sich zu ein paar Drinks, dann in Amys Bett einladen, wie er es schon bei vielen gemacht hatte. Wenig später zahlte eine andere für ihn, Amy war am Boden zerstört, suchte Zuflucht im Texten und im Suff. Als ihr dann eben jener Kummer mit dem Album zu Erfolg und Reichtum verhalf, tauchte Blake wieder an ihrer Seite auf. Das Paar heiratete im Mai 2007. Als Blake im November in Untersuchungshaft kam, erzählte er, dass Amy und er sich vor Kummer über die Trennung die Arme aufritzen würden. Gerüchte von seinen Affären halten sich indessen hartnäckig.

Als vor knapp zehn Tagen Amys Wachsfigur bei Madame Tussaud's eingeweiht wurde, fehlte die Sängerin. Stattdessen stellten sich ihre Eltern Mitch und Janis tapfer den Fotografen und Journalisten und schwärmten von ihrer Tochter. "Amy ist ein echter Familienmensch. Sie ist eine wunderbare Tochter, eine wunderbare Nichte, eine wunderbare Schwester", erklärte Mitch. Ihr Zustand kritisch, auch wenn ihre Eltern und ihr Management stets erklären, sie sei in Behandlung und auf Entzug.

Doch die Fotos der Paparazzi strafen die Beteuerungen Lügen. "Amy ist nicht nur einfach anders. Sie fasziniert auch, weil alle wittern, dass da noch mehr ist.", meint Fotograf Chapman. "Fragt sich nur, ob es die Welt jemals zu sehen bekommt."