Fußballer leben gefährlich

Pelé soll einmal gesagt haben: "Im Fußballspiel steckt auch Zärtlichkeit. Man muß den Ball so mit den Füßen streicheln, daß er im Netz des Gegners landet.

Pelé soll einmal gesagt haben: "Im Fußballspiel steckt auch Zärtlichkeit. Man muß den Ball so mit den Füßen streicheln, daß er im Netz des Gegners landet." Zärtlich, sprich technisch perfekt, mit dem Ball umgehen können, ist eine Sache. Leider wollen einem die Gegenspieler das Spielgerät wieder rauben und schrecken manchmal auch vor Blutgrätschen nicht zurück. Der Kampf um den Ball ist mit ein Grund, warum das Fußballspielen so anfällig für Verletzungen ist wie sonst keine andere Sportart. Natürlich spielen noch andere Gründe eine Rolle: Viele schnelle und abrupte Bewegungen, schlechte Platzverhältnisse, Stichwort: Kartoffelacker und Spiele bei großer Hitze oder bei Eis und Schnee. Zudem wird der Körper anders als bei Footballspielern kaum geschützt. Schienbeinschoner sind in der Regel der einzige Schutz gegen Stürze und Tritte. Im Durchschnitt, so haben Sportwissenschaftler herausgefunden, erleidet jeder Spieler pro Jahr eine Verletzung, die seine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Knie- und Sprunggelenke sind besonders häufig betroffen. Gerade das Kniegelenk wird stark belastet und leidet unter den vielen unnatürlichen Drehbewegungen. "Früher gab es mehr Meniskusverletzungen, heute sind die Kreuzbandrisse gefürchtet", sagt Professor Ingo Froböse, Direktor des Zentrums für Gesundheit der Sporthochschule Köln. Meist reißt das vordere Kreuzband, das genau wie das hintere Band das Knie stabilisiert und beim Aufsetzen des Unterschenkels verhindert, daß sich der Oberschenkel über den Unterschenkel nach vorne schiebt. Nach einem Riß schwillt das Knie schnell an, die Spieler leiden starke Schmerzen.

Gerade im Amateurfußball bedeutet ein Kreuzbandriß oft das Ende einer Sportlerkarriere, weil das Knie nicht mehr die frühere Stabilität erreicht und die Angst vor einer erneuten Verletzung zu groß ist. Leistungssportler dagegen wollen so schnell wie möglich wieder spielen und werden nach Ansicht von Froböse viel zu früh auf den Platz geschickt. "Frühestens nach sechs bis acht Monaten Aufbautraining sollten Fußballer wieder Punktspiele machen". Denn der Riß eines Bandes beeinträchtigt nicht nur erheblich das Knie, er schwächt auch die Muskulatur, vor allem die vorderen Oberschenkel, deren Muskelmasse schnell abnimmt.

"Den Trainingsbeginn kann man nicht nur nach Muskelvolumen und Muskelkraft festlegen. Wichtiger ist ein Wahrnehmungstraining für den Körper, das die reflektorische Antwort der Muskeln übt", erläutert der Sportwissenschaftler. Denn bei einem Kreuzbandriß werden auch Muskelspindeln, die sogenannten Rezeptoren, verletzt, die Informationen aus den Muskeln, Sehnen und Gelenken an das Gehirn leiten. Die Rezeptoren müssen durch ein sensomotorisches Training wieder aufgebaut werden. Bewegungen auf einem festen oder unstabilen Untergrund trainieren den Gleichgewichtssinn, kräftigen die Muskeln und verbessern das Reaktionsvermögen. Dabei steht man zum Beispiel auf einem Wackelbrett und versucht die Balance zu halten.

Bei Spielern gefürchtet ist der Riß der Achillessehne. Plötzlich, meist ohne Beteiligung eines Gegners, verspürt man einen Schmerz in der Wade. Ein knallendes Geräusch ist zu hören, den manche mit einem Peitschenhieb vergleichen. Der Riß wirkt sich auch auf das Sprung- und das Kniegelenk aus. Nach einer solchen Verletzung kann es lange dauern, bis man wieder sein früheres Leistungsvermögen erreicht hat. "Hier ist es besonders wichtig, die Wadenmuskeln wieder aufzubauen und Krafttraining zu betreiben", empfiehlt Professor Froböse.

Es gibt noch eine Reihe anderer Verletzungen, die aber bei weitem nicht so häufig auftreten, zum Beispiel Verrenkungen an der Schulter oder Nasen- und Jochbeinbrüche. Platzwunden am Kopf sehen wegen des Blutverlustes zwar dramatisch aus, sind aber meist harmlos und können schnell genäht werden. Auch Kopfbälle schaden dem Gehirn nicht. Wenn aber die Köpfe zweier Spieler zusammenprallen erleidet unter Umständen einer der Kontrahenten eine leichte Gehirnerschütterung. Kopfbälle unmittelbar nach solch einem Zusammenstoß können dann durchaus gefährlich werden, sagt Froböse.

Ein mehrjähriges Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) und des Deutschen Fußballbundes (DFB) soll dazu beitragen, die Verletzungsanfälligkeit im Sprung- und Kniegelenkbereich zu reduzieren. Sportliche Partner des Projektes sind Nachwuchsmannschaften von Bundesligavereinen (1. FC Köln, Borussia Mönchengladbach, Bayern München, Hamburger SV, Bayer Leverkusen). Privatdozentin Dr. Gabriele Neumann vom BISp, zusammen mit Dr. Peter Stehle verantwortlich für die Koordination des Gesamtprojekts, betont ebenso wie Ingo Froböse die Wichtigkeit eines gezielten sensomotorischen Trainings. "Diese Trainingsform hat sich in der Reha bewährt; man kann es aber auch präventiv sehr gut einsetzen. Hierfür brauchen wir aber einen ganzheitlichen Ansatz, um die Häufigkeit von Verletzungen zu vermindern."

Aus diesem Grund erfaßt das Projektteam aus Trainingswissenschaftlern, Medizinern und Sportpsychologen mehrmals in der Saison die individuelle Leistung der Fußballer bei der funktionellen Kniestabilität, die Koordinationsfertigkeiten sowie die psychologische Faktoren. Im Mittelpunkt des Programms stehen ein fußballspezifisches Training und wöchentliche Befindlichkeitsmessungen. Bei dem propriozeptiven Training geht es um die Schulung des Gleichgewichts, außerdem soll die eigene Körperwahrnehmung erhöht werden. "Dafür müssen die Spieler Bewegungen auf einem instabilen Untergrund trainieren. Die Übungen können dann entsprechend dem Trainingsstand variiert werden", erläutert Neumann. Übungen mit dem Ball in Form von Einzel- und Gruppenübungen ergänzen das Training. Die aktuellen Daten werden über eine Datenbank ausgewertet und den Trainern online zur Verfügung gestellt. So kann der Trainer frühzeitig Warnsignale wie zum Beispiel Ermüdungserscheinungen bei einzelnen Spielern erkennen, schnell darauf reagieren und das Verletzungsrisiko reduzieren.

Hobby- und Amateurfußballer haben, so Sportwissenschaftler Froböse, ein ebenso hohes Verletzungsrisiko wie Profispieler. "Die meisten Hobbyfußballer überfordern sich total, weil sie nicht ausreichend trainiert sind. Im Grunde müßten sie, genauso wie es Skiurlauber mit der Skigymnastik tun, sechs Wochen vor der Saison mit dem Aufbautraining beginnen." Denn nur mit einer guten Vorbereitung erhöht sich die Chance, verletzungsfrei zu bleiben und trotzdem mal das eine oder andere Spiel zu gewinnen.

Trotz aller Verletzungsrisiken, Fußball spielen macht Spaß. Es ist ein gutes Herz-Kreislauftraining, aktiviert den Stoffwechsel und stärkt, allerdings unspezifisch, die Muskeln. Wo sonst als auf dem grünen Rasen kann man noch ungehindert schreien und fluchen? Und solange man nicht um jeden Preis gewinnen will, eignet sich Fußball als Freizeitsport hervorragend, um Alltagsstreß abzubauen. Wie hat es Franz Beckenbauer so treffend auf den Punkt gebracht: "Das Erfolgsrezept heißt, den Ball flach halten und hoch gewinnen."

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