Muß Mutterglück weh tun?

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Jörg Zittlau

Nicht nur viele Schauspielerinnen bringen ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt, ohne daß es medizinisch notwendig gewesen wäre.

Nicht nur viele Schauspielerinnen bringen ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt, ohne daß es medizinisch notwendig gewesen wäre. In Deutschland entscheidet sich jede vierte Frau für die "Sectio Caesarea", und fast jede dritte zumindest für eine Schmerzbetäubung mittels Peridural-Anästhesie.

Hebammen können diesem Trend traditionell nur wenig Positives abgewinnen, allein schon deswegen, weil er Mutter und Kind um existentielle Erfahrungen bringe. Mittlerweile spricht aber auch aus wissenschaftlicher Sicht vieles dagegen, den Geburtsschmerz einfach auszublenden. So fungiert er im weiblichen Körper als wichtiger Signalgeber, der die Frau dazu zwingt, sich zu bewegen. Dies schützt sie und ihr Kind vor Schäden, die aufgrund einer ungünstigen Sitz- oder Liegeposition entstehen könnten. Zudem lassen die Schmerzen den Frauenkörper große Mengen an Cortisol produzieren. Dieses Hormon hemmt Entzündungen und fördert die Wundheilung - ein Aspekt, der wegen des hohen Verletzungsrisikos bei einer Geburt überaus wichtig ist. Nach einer schmerzvoll-natürlichen Entbindung geht der Wundheilungsprozeß relativ zügig voran, während die Narbe eines Kaiserschnitts mitunter wochenlang Probleme bereitet.

Darüber hinaus kommt es bei der Geburt zu einer vermehrten Ausschüttung von Endorphinen. Als angst- und schmerzhemmende Hormone werden sie schon mit der zehnten Schwangerschaftswoche in verstärktem Umfang produziert, durch den Geburtsschmerz steigt ihr Pegel explosionsartig an. Sie sorgen für euphorische Gefühle, die eine Frau nach der Geburt psychisch regelrecht auf einer Wolke schweben lassen. Durch Schmerzmittel wird sie jedoch per Senkung der Endorphinwerte auf den Boden zurückgeholt. Und die Landung ist dann oft härter, als sie ertragen kann. In einer Studie der australischen University of Newcastle zeigten Frauen, die schmerzstillende Arzneien bekommen hatten, im Anschluß an die Geburt überdurchschnittlich starke Symptome einer Depression.

Der Geburtsschmerz schützt also vor der postnatalen Depression, dem berüchtigten "Baby-Blues". Aber ist dieser präventive Effekt es wirklich wert, sämtliche Qualen der Geburt "auszukosten"? Möglicherweise sind sie ja gar nicht so schlimm, wie es den Anschein hat. Verena Schmid leitet in Florenz eine Hebammenschule und berichtet ihren Schülerinnen immer wieder von dem "Schmerzparadox", das sich im Kreißsaal abspielt. Demnach halten die Außenstehenden - speziell die Kindesväter - den Geburtsschmerz oft für bedrohlicher als die Gebärenden selbst, die hingegen ihre Gefühle während der Entbindung oft als "Stärke, Kraft, Überwältigung und Grenzerfahrung" beschreiben. Im Unterschied zu jenen Frauen, bei denen der Geburtsprozeß unterbrochen wurde. Hier käme es, warnt Schmid, immer wieder zu traumatischen Erlebnissen.

Ein weiteres Schlüsselhormon des Geburtsschmerzes ist das Oxytocin. Im weiblichen Körper wird es sonst beim Orgasmus ausgeschüttet, und seine zentrale Aufgabe besteht darin, ein Gefühl der Nähe zu anderen Menschen aufzubauen. Bei der Geburt kommt es ebenfalls massiv zum Einsatz, mit der Folge, daß die Mutter sich dem Neugeborenen sofort inniglich verbunden fühlt. Wer dagegen per Kaiserschnitt entbindet, verzichtet auf diesen Effekt, und muß dann, wie Verena Schmid warnt, "unter Umständen Monate und Jahre warten, um das aufzuholen, was durch die hormonellen Helfer bei einer natürlichen Geburt von ganz allein vorhanden ist".

Ein weiterer Effekt von Oxytocin: Es führt zu einem ausgeprägten Gedächtnisverlust. Es nimmt also den Frauen die Erinnerung an die schweren Belastungen während der Geburt. Weswegen die meisten sich schon wenige Wochen danach vorstellen können, erneut ein Baby zu bekommen.