Blinde fahren Tandem

So, nun geht's aber los!" Organisatorin Marlies Schulz gibt das Kommando, und der Tandem-Troß mit einem Dutzend Räder setzt sich in Bewegung. Jeden Donnerstag trifft sich die Fahrradgruppe des Blindensportvereins in der Auerbacher Straße im Grunewald zu einer mehrstündigen Tour durch Berlin. Vorne sitzt der "Pilot", der den sehbehinderten oder blinden Copiloten sicher durch die Stadt steuert. Christine Krause (50), die als 20jährige erblindete, ist seit 13 Jahren dabei und genießt die ausgiebigen Fahrten. "Am Donnerstag fahren wir ja nur 30 bis 40 km", erzählt die Sozialarbeiterin, "bei Wochenendfahrten bis zu 100 km". Und schwärmt davon, was sie alles in Berlin und Brandenburg gesehen hat. Wenn auch nicht mit eigenen, sondern fremden Augen.

Denn die Aufgabe des Piloten ist auch, die Strecke mit ihren Sehenswürdigkeiten zu erklären. Daß allerdings Blinde manches viel früher wahrnehmen als Sehende, in einigen Dingen eine viel sensiblere Wahrnehmung haben, war eine der überraschenden Erkenntnisse, die Birgit Liebscher (31) als Tandem-Pilotin machte. Die Juristin aus Wedding ist schon lange begeisterte Radlerin, das Fahren in der Gruppe macht ihr Spaß, aber vor allem der soziale Aspekt ist ihr wichtig: "Menschen etwas zu ermöglichen, was sie allein nicht könnten." Spannend empfindet sie die gemeinsamen Touren und Gespräche. "Ich habe dadurch eine neue Sicht der Dinge bekommen", sagt die 31jährige. Benjamin Zeidler aus Hellersdorf ist der jüngste Pilot der Runde. Der 15jährige Schüler fährt zum ersten Mal Tandem und stellt fest, daß es gar nicht so einfach ist, man sich erst mal einfahren muß. Der Vordermann darf nicht abrupt lenken, der Hintermann wiederum darf gar nicht lenken, nur treten. Nach zwei, drei Runden auf dem Gelände fühlt sich Benjamin sicher. Trotzdem ist es beruhigend, daß für die Copiloten aus Versicherungsgründen Helmpflicht besteht.

Etwas für andere Menschen zu tun, war für Andreas Gehlke die entscheidende Motivation, Pilot zu werden. Außerdem findet er es wichtig, die Blindenproblematik öffentlich zu machen: "Wir fallen schon auf, wenn wir mit einem Dutzend Tandems unterwegs sind, die Autofahrer haben Respekt vor unserer Kolonne", stellt Gehlke fest. Der Angestellte aus Schöneberg ist seit zwölf Jahren Tandempilot und kennt seine Stadt inzwischen aus dem Effeff. Mal geht es in die City, wie kürzlich zum Holocaust-Denkmal, dann wieder durch die Natur runter an den Wannsee. Dieses Mal hat Gehlke die Tour zusammengestellt, die nach Spandau führen wird. Klaus Assmann aus Charlottenburg ist wieder einmal sein Copilot, ein begeisterter Radsportler, der wegen seiner sich ständig verschlimmernden Netzhautdegeneration seit einigen Jahren auf Hilfe angewiesen ist. Gehlke holt den 65jährigen zu Hause in Charlottenburg ab, da Assmann als einer der wenigen sein eigenes Fahrrad benutzt. 13 Alusport-Räder mit 21 Gängen hat der Blindensportverein im "Stall", "doch oft können wir nicht alle nutzen, weil die Piloten fehlen", sagt Marlies Schulz, die die fahrradbegeisterten Mitglieder der Vereins ehrenamtlich betreut und koordiniert.

Fahrer und Beifahrer werden jede Woche gemischt, damit sich immer wieder neue Kontakte und Gespräche ergeben. "Das ist ja der große Vorteil beim Tandemfahren, daß man sich wunderbar unterhalten kann", findet Marlies Schulz. Meist klingt die Tour noch mit einem gemütlichen Beisammensein aus.

Liebe Leser, die Tandemgruppe, die sich von April bis September jeden Donnerstag beim Blindenverein Auerbacher Straße 7 im Grunewald trifft, sucht dringend fahrradsichere Piloten. Wer Interesse hat, meldet sich bitte bei Marlies Schulz, Tel.: 564 31 31.