In der Ruhe liegt die Kraft

Der Meister gibt seinem Schüler ein Mantra, eine heilige Formel. "Meister, wie lange braucht es, das Mantra zu verstehen?" "Zehn Jahre." "Das ist eine lange Zeit, Meister." "Du wirst 20 Jahre brauchen." Asiatische Lehren erscheinen zeitgierigen Europäern oft mühsam und dunkel. Und doch steckt in der Geschichte des ungeduldigen Novizen und seines wortkargen Lehrers viel Hilfreiches für unseren Alltag. In Berlin führen inzwischen viele Wege zur inneren Ruhe eines Buddhas. Dabei kann es kraftvoll, dekorativ oder ganz gelassen zugehen.

Der Shaolin-Tempel Berlin bietet auf der Basis des Zen (Chan) Buddhismus verschiedene Angebote, zu sich selbst und innerer Ruhe zu finden. Berühmt geworden sind die Kampfmönche aus der chinesischen Provinz Henan durch ihre Kung-Fu-Künste. Dabei ist Kung-Fu nach dem Verständnis von Abt Shi Yong Chuan mehr als ein Hau-drauf-Sport. "Das Wichtigste am Kung-Fu ist es, Selbstvertrauen zu gewinnen", meint der 35jährige Geistliche. "Das Selbstvertrauen hilft, den inneren Feind zu besiegen, die Angst." Damit richtet sich die Energie des Kung Fu nach innen und nicht nach außen auf das Nasenbein des unliebsamen Nächsten. Ein erster Schritt zum Selbstvertrauen ist die kritiklose Verehrung des Lehrers, sprich Gehorsam. Wer fleißig und demütig übt, wird innerlich gelassener, gesünder, freier. Sagen die vier Mönche. Sie glauben, daß in jedem Menschen eine Buddha-Natur lebt, die es zu entwickeln gilt. Aber man muß nicht Buddhist sein: "Das Tor des Tempels ist offen für alle."

Wer ohne Kampf den inneren Krampf lösen will, übt Thi Ji oder Qi Gong. Abt Shi Yong Chuan sitzt im Lotussitz in der 800-Quadratmeter-Trainingshalle vor den drei großen Bronze-Buddhas des Tempels und doziert milde lächelnd über Qi Gong und das Unwesen in der Spreemetropole. "Herz und Körper der Menschen sind müde. Sie haben zu viele Gedanken auf einmal." Wer abschalten möchte von den Sorgen um Geld und Familie, Job und Gesundheit, übt bei den Atem- und Meditationsübungen des Qi Gong, die schädlichen Gedanken gehen zu lassen. "Der Körper wird locker, der Geist wird locker, und von den 20 Gedanken behalten wir nur fünf - die guten", lächelt der Klosterherr, dessen Tempel im Gewerbegebiet zwischen Autohändlern und Teppichlagern gleich deplaziert und passend wirkt.

Die Qi Gong Meditation dauert so lang "wie ein Räucherstäbchen brennt". Uhren gibt es hier nicht. Die Schüler beginnen die Meditation mit dem, was ihren Alltag bestimmt: Sie rennen - erst langsam, dann schnell - im Kreis. Danach beginnen geleitete Atemübungen. Das Ziel der teils Jahrtausende alten Praktiken ist es, das Zuviel des Alltags zu reduzieren und vom Kopf in den Körper zu kommen. "Wir werden ruhig wie der Winterboden. Aus der absoluten Ruhe bricht die Lebenskraft auf. Frühling." Der Abt nickt und lächelt.

Eine der zarten Blüten des Zen-Buddhismus ist Ikebana. Die Kunst "Blumen zur Schau zu stellen" wurde von Mönchen entwickelt. "Um 650 vor Christus", erklärt Marianne Pucks "legte man Blumenopfer im Tempel ab". Pucks übt sich seit mehr als 35 Jahren in der Sogetsu-Form des Pflanzensteckens. In ihrer Lichterfelder Schule lehrt die Meisterin den Unterschied zwischen einem Blumenstrauß und einem Ikebana-Arrangement: "Zentral ist die positive Auseinandersetzung mit der Natur und der meditative Charakter der Arbeit." So erscheinen auch die Pflanzenskulpturen als Ausdruck einer Meditation, bei der "das Tun, und nicht das Produkt oder die Technik entscheidend sind".

Dabei sind Produkte und Techniken je nach Ikebana-Stil äußerst variabel. Die einen ziselieren aus filigranen Blüten und Zweigen Hingehauchtes für den Couchtisch. Die anderen suchen für Kanzleien und Hotels einen exotischen Blickfang. Marianne Pucks greift gern mal zu Kettensäge, Gasbrenner oder Bohrmaschine, um Großplastiken für den Botanischen Garten zu entwerfen, oder sie rückt bemooste Altreifen und Metallschrott als Ikebana-Elemente in ein neues Licht zwischen Vergehen und Werden. So groß die Unterschiede im Material oder in der Haltbarkeit sind, die Idee der Pflanzenkunst ist seit Jahrtausenden die gleiche. "Ikebana arbeitet mit den drei Ebenen", so Pucks. "Shin" (Himmel), "Soe" (Mensch) und "Hikae" (Erde). Der Mensch wird über die Proportionen des Arrangements eingebunden zwischen Himmel und Erde."

Ob im Pflanzenschmuck ein Sinnbild kosmischer Ordnung steckt, entscheidet der Meister. In Japan leitet er seine Schüler nicht an. Er bewertet ihr Werk und läßt es gelten - oder zerlegt es. Der Schüler macht sich in Demut erneut auf den Weg.

Auf dem Weg ist Buddha auch in Hermsdorf. In der "Quelle des Mitgefühls" übt man "Geh-Meditation". "Wir gehen und wissen, daß wir gehen", sagt Annabelle Zinser, Leiterin der "Quelle", und erklärt damit die Lehre Thich Nhat Hanhs vom "achtsamen Leben". "Wir betrachten genau, wie der Fuß sich hebt und senkt." Der Zen-Meister aus Vietnam mit Wohnsitz in Frankreich empfiehlt solch leichte Übungen mit hohem Alltagswert, um zu innerem Frieden zu gelangen. "Wir bringen den Geist zum Atem zurück und spüren den Körper", so Zinser. Die Konzentration auf das eigene Ein- und Ausatmen und die damit verbundene Sammlung wirkt verblüffend gut. "Einatmend bin ich ein Berg, ausatmend lächle ich", lehrt der Zen-Meister. Geübt wird überall, wann immer sich eine Gelegenheit des Innehaltens bietet. So ist die rote Ampel kein Hindernis mehr, sondern eine Ruheinsel, die drei tiefe Atemzüge schenkt. Die Kassenschlange wird zum Ort einer erfrischenden Stehmeditation: Die Augen schließen sich sanft, man spürt die kühlen Kacheln unter den Füßen, der Körper richtet sich auf, der Atem wird tiefer.

Solche Achtsamkeit beim Gehen, Stehen, Essen oder Atmen hilft, "das Mitgefühl mit sich selbst zu spüren", sagt Annabelle Zinser. Die wiederkehrende Besinnung aufs Ich ist dabei alles andere als esoterische Weichspülerei. Denn wer die Ablenkungen und Alltagsgewohnheiten von der Völlerei bis zur Nörgelei über Gott und die Welt zu Gunsten des eigenen Mitgefühls auch nur für ein paar Tage mit Disziplin abstellt, wird auch unangenehme Erfahrungen und Gefühle durchleben. Dafür entfaltet ein Mantra Thich Nhat Hanhs dann seine volle Wirkung: "Einatmend lächle ich, ausatmend erkenne ich das Wunder dieses Augenblicks." So gestärkt weitet sich das Mitgefühl und man läßt dem Drängler an der Aldi-Kasse milde lächelnd den Vortritt.