Fast wie neu

Mit seiner Äußerung "Ich halte nichts davon, wenn 85jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen", löste Philipp Mißfelder, der Bundesvorsitzende der Jungen Union im Sommerloch des vergangenen Jahres einen Sturm der Empörung aus. Wobei der junge Mißfelder angeblich die ganze Aufregung nicht so richtig nachvollziehen konnte, da er doch mit seinen Sparvorschlägen für das Gesundheitswesen nur "auf die Probleme künftiger Generationen hinweisen" wollte. Zumindest bei Hüftgelenksoperationen würden 85jährige aber ohnehin nicht sehr viel zur Kostenersparnis beitragen. Denn viele, die sich operieren lassen müssen, sind zehn bis zwanzig Jahre jünger.

Das Hüftgelenk ist eine geniale Erfindung der Natur, einfach konstruiert, aber fähig, die höchsten Belastungen zu ertragen. Es besteht aus einer knöchernen Pfanne am Becken und einer Kugel am Schenkelhals des Oberschenkelknochens. Die Form des Kugelgelenks ist der Grund, warum wir uns so frei bewegen können. Das Gelenk, also Hüftpfanne und Hüftkopf, ist von einer Kapsel umschlossen, die Gelenkflüssigkeit produziert. Mit dieser "Schmiere" wird unter anderem der Knorpel ernährt, der das Gelenk wie ein Stoßdämpfer schützt. Leider sind bewegliche Teile dem Verschleiß ausgesetzt. Das gilt besonders für Hüftgelenke. Die Arthrose, bei der Gelenke geschädigt oder zerstört werden, ist hier die häufigste Form der Erkrankung. Wenn die Knorpelschicht verkümmert, kommt es über kurz oder lang zum direkten Kontakt der Knochen und zum Absterben des Gewebes. Immer stärker werdende Schmerzen sind die Folge.

An einer Arthrose seiner Hüftgelenke ist auch Joachim Franke erkrankt. "Das ist für mich eine besondere Belastung, denn ich bin Eisschnellauftrainer. Und ein Trainer sollte schon eine gewisse Dynamik ausstrahlen", erklärt der 64jährige, der auch Olympiasiegerin Claudia Pechstein trainiert. Am Anfang hatte er nur leichte Beschwerden beim Laufen, mit fortschreitender Zeit quälten ihn die Schmerzen sogar im Liegen. Mit Krafttraining im Fitneßstudio und Fahren auf dem Ergometer versuchte er, die Schmerzen zu lindern. Orthopäden empfehlen bei Hüftbeschwerden sportliche Übungen, die die Hüfte nicht belasten, wie zum Beispiel Schwimmen. Bei Joachim Franke halfen zuletzt aber weder Sport noch Medikamente oder Massagen. So blieb als Ausweg nur eine Operation.

Mittlerweile ist das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks fast Routine, etwa 150 000mal im Jahr wird in Deutschland operiert. Dabei trennt man mit einer Säge den Hüftgelenkskopf ab und setzt dann die Prothese in den Knochen ein, je nach der Konstitution des Patienten wird auch Knochenzement verwendet, der in den Hohlraum des Oberschenkelknochens eingespritzt wird. Braucht der Patient noch eine Hüftpfanne, fräst man sie in die richtige Form, um eine künstliche Pfanne einzusetzen. Als Material verwendet man für den Schaft Kobalt- und Titanlegierungen, auf die der Gelenkkopf aus Keramik oder Titan aufgesetzt wird. Die Gelenkpfannen bestehen meist aus Titan mit einer Kunststoff- oder Keramikbeschichtung.

"Vor allem für ältere Menschen und solche, die lieber vor dem Fernseher sitzen, sind die Standardprothesen die beste Wahl", sagt Professor Michael Faensen vom DRK-Klinikum Berlin-Westend. Zementierte Prothesen haben den entscheidenden Vorteil, daß die Patienten die Hüfte schon nach kurzer Zeit wieder belasten können. Allerdings wird Zement aus Kunststoff über die Jahre gern "brüchig", so daß sich die Prothesen lockern können. Die unzementierte Prothese wächst dagegen in den Knochen hinein, der Körper übernimmt selbst die Befestigung. Diese Methode eignet sich aber nur für Menschen, die ein gutes Knochenwachstum haben und die Kraft und Disziplin aufbringen, die operierte Hüfte so lange wie nötig zu entlasten.

Ob aber nun mit oder ohne Zement: Bei der bisher üblichen Operationstechnik sind Sportarten mit hoher Sprung- und Laufbelastung fast nicht möglich. Zu groß ist die Gefahr, daß das Gelenk sich lockert. Für Franke und andere aktive Menschen gibt es aber seit einigen Jahren eine vielversprechende neue Technik mit Schalenhüftprothesen, die man als Oberflächenersatz bezeichnet. "Mit dieser Technik ist der Patient fast so belastbar und leistungsfähig wie ein Mensch mit einem gesunden Hüftgelenk", erklärt Faensen, Direktor des "Zentrums für Oberflächenersatz des Hüftgelenk". Bei dem neuen Verfahren fräst man den Hüftkopf nur leicht ab und überkront ihn dann ähnlich einem kranken Zahn mit einer Metallkappe. Für Faensen liegen die Vorteile auf der Hand: die Hebelverhältnisse am Knochen würden sich nicht ändern, der Schenkelhals und damit die natürliche Steuerung des Oberschenkelknochens bleibe erhalten, und der Abrieb des künstlichen Materials sei gering. Schließlich könne man wenn nötig später problemlos eine Standardprothese einsetzen, weil die Knochenverluste nur minimal seien.

"Es existiert aber bisher kein wissenschaftlicher Nachweis, daß die neuen Prothesen besser sind als die Standardverfahren", meint Professor Josef Zacher, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und orthopädische Rheumatologie am Klinikum Berlin-Buch. Es gebe zwar positive Studienergebnisse aus Kliniken, aber oft seien die Studien von den Herstellern der knochenschonenden Implantate finanziell unterstützt worden. Andererseits würden sogar Studien vorliegen, die eine schlechtere Haltbarkeit bei einigen Modellen aufzeigen als dies bei "Normalprothesen" der Fall ist, die im Durchschnitt fünfzehn Jahre halten.

Joachim Franke jedenfalls hat sich im Frühjahr von Professor Faensen operieren lassen und ist begeistert von dem Ergebnis. Obwohl schon älter, war er als aktiver Sportler, der über eine gute Knochensubstanz verfügt, ein geeigneter Kandidat. Nächstes Jahr will er auch noch die andere Hüfte operieren lassen.