Engagierte Aufklärungsarbeit für Versehrte

Sie ist ansteckend lebhaft, immer auf dem Sprung, um etwas zu organisieren. Die blauen Augen strahlen, mal fröhlich heiter, um bei Mitleid zornig aufzublitzen. Mit ihrem temperamentvollen Wesen läßt Dagmar Gail völlig vergessen, daß sie wegen einer schweren Gefäßkrankheit beinamputiert ist. Statt mit dem Schicksal zu hadern, das sie zu langen Krankenhausaufenthalten und regelmäßigen Therapien zwang, sie oft mit Schmerzen leben läßt, hat sie aus dem Schicksalsschlag eine neue Lebensaufgabe gemacht.

1991 gründete Dagmar Gail die Amputierten-Initiative e. V., einen Bundesverband für Arm- und Beinamputierte. "40 bis 60 000 Männer und Frauen verlieren jährlich in Deutschland nach Unfällen, durch Gefäßerkrankungen, Infektionen und Tumore einen Teil ihres Körpers und oft auch ihrer bisherigen Identität", sagt sie. Die Einschränkungen dieser Betroffenen gehen einher mit Schmerzen wegen teilweise schlecht angepaßter Prothesen, Nachoperationen, langwierigen immer wiederkehrenden Behandlungen und mit einer neuen Orientierung in allen Lebensbereichen. Die Menschen wissen einfach zu wenig über ihr lebenswichtiges Adergeflecht und würden oft Beinamputationen als die Folge eines Raucherbeines stigmatisieren, bedauert Dagmar Gail. Deshalb läuft die agile Frau von Anfang 60 gemeinsam mit Mitgliedern des Verbandes, Förderern und Ärzten gegen Vorurteile und Unwissen Sturm, betreibt Aufklärungsarbeit über Prophylaxe und Früherkennung. Sie macht Kranken und deren Angehörigen Mut und berät sie bei der Verbesserung der eigenen Lebensqualität nach einer Amputation. Zirka eintausend Beratungen führt die ehemalige Konzertagentin und Juristin telefonisch, brieflich, vor Ort in Krankenhäusern und im Verein an der Spanischen Allee 140 durch. Das gesamte Arbeitspensum, meist zehn Stunden täglich, bewältigt sie ehrenamtlich.

In dem Ratgeber "Chance statt Schicksal" hat sie ihr Wissen, erarbeitet in vielen Stunden ihrer Freizeit und aus eigenem Erleben, aufgeschrieben. "Die Arbeit würde ich nicht schaffen, wenn ich sie nicht mit Leidenschaft betreiben würde", bekennt sie und hat als nächstes schon die Vorbereitung des ersten Berliner Gefäßtages am 27. November im Visier.

Regina Söffker