Leben wie auf einer Achterbahn

Wenn wir des Nachts stundenlang seine ruhelosen Schritte hörten, wußten wir: Es ist mal wieder soweit - eine manische Phase kommt". Die Eltern von Andreas (20) erlebten die Krankheit ihres Sohnes wie Sommer und Winter, im unausweichlichen Wechsel zwischen Euphorie und Depression, "himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt".

Denn Andreas leidet unter bipolaren Störungen. In der manischen Phase ist er aufgekratzt und umtriebig, witzig und gesellig, arbeitsam und ideenreich, aber auch sprunghaft und ablenkbar und neigt zu grandioser Selbstüberschätzung, braucht kaum Schlaf. In der Depression ist er durch nichts zu motivieren, durch nichts aufzuheitern, verschließt sich in seinem Zimmer, hat keinen Appetit und möchte am liebsten nicht aus dem Bett. Das Schlimmste: In der Manie macht er immer wieder horrende Schulden, in der Depression möchte er am liebsten sterben. Obwohl er gute berufliche Aussichten hätte, wirft ihn die Krankheit immer wieder aus der Bahn. Er traut sich nichts zu, fällt monatelang aus und trinkt mitunter bis zum Umfallen. Immer wieder muß er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden.

Bipolare Störungen sind weit verbreitet. Die Deutsche Gesellschaft für bipolare Störungen (DGBS) gibt an, daß in Deutschland etwa vier Millionen Menschen davon betroffen sind, mehr oder weniger ausgeprägt, Männer wie Frauen. Das Selbstmordrisiko ist extrem hoch, und die sozialen Folgen sind erschreckend: Berufsverlust, Frühverrentung, Verarmung und Vereinsamung. Die Krankheit wird (nicht nur) in Deutschland immer noch viel zu spät erkannt oder falsch eingeschätzt. Dr. Heinz Grunze, Oberarzt der Spezialambulanz an der Psychiatrischen Uniklinik München schätzt, daß nur bei der Hälfte aller Betroffenen die richtige Behandlung eingeleitet wird. "Im Durchschnitt vergehen zehn Jahre, bis die Krankheit erkannt wird". Bei manchen Menschen kommen und gehen die Episoden wie die Jahreszeiten (Bipolar-I-Störung), andere erleiden lange depressive Phasen und nur leichte, sogenannte Hypomanien (Bipolar-II-Störung). Am schwersten zu behandeln sind die Mischzustände, in denen Manie und Depression gemeinsam auftreten und der rapide Wechsel.

Die Ursachen sind noch nicht ganz geklärt. Man geht heute davon aus, daß es sich einerseits um eine anlagebedingte seelische Verletzbarkeit (Vulnerabilität) handelt, andererseits um eine Störung des Gleichgewichts chemischer Botenstoffe, die an der Weiterleitung von Nervenimpulsen beteiligt sind. Treten bei dieser Veranlagung bestimmte soziale Belastungen ein (Streß), bricht die Krankheit aus. Je verletzlicher der Mensch, desto schwerer kann er damit fertig werden.

In der akuten Manie und auch als Rückfallschutz erhalten die Kranken meist sogenannte Stimmungsstabilisierer, wie Lithium oder Anti-Epileptika und wenn die nicht ausreichen, zusätzlich moderne, sogenannte atypische Neuroleptika. In der Depression brauchen sie außerdem Antidepressiva. Weil nicht alle Kranken ihre Medikamente gleich gut vertragen, müssen sie immer wieder neu dosiert oder ausgetauscht werden. Manchen hilft auch Schlafentzug oder eine Elektrokrampf-Therapie, oder mit einer Art elektronischem Tagebuch einen "Stimmungskalender" zu führen, aus dem der Arzt Art und Dauer der individuellen Schwankungen erkennen und beeinflussen kann. Besonders wichtig sind dabei vorausgehende Ereignisse, die möglicherweise als Auslöser zu werten sind - Streß am Arbeitsplatz oder in der Familie, eine Enttäuschung, eine Kränkung, eine Reise, ein Fest oder vergessene Medikamente.

Andreas war lange kein einfacher Patient. Weil er seine Krankheit nicht akzeptierte und sich in den manischen Phasen viel zu gut fühlte, setzte er seine Medikamente immer wieder ab und stürzte dann jedes Mal um so heftiger ab. Er konnte sich lange nicht damit abfinden, mit einer chronischen Krankheit leben zu müssen, die er nur durch konsequente Behandlung unter Kontrolle halten kann - wie ein Diabetiker. So versuchte er immer wieder, sich mit Alkohol zu betäuben - ein ungeeigneter Bewältigungsversuch, bei dem zudem das ganze chemische Gleichgewicht des Körpers durcheinander geriet.

Die Angehörigen machten sich Vorwürfe und fühlten sich hilflos und ohnmächtig angesichts des immer wiederkehrenden Auf und Ab. Während der Manien kam häufig zu heftigen Zerwürfnissen, in der Depression erreichten sie den Kranken weder durch gute Worte noch durch einen kräftigen Schubs. Viele Angehörige solcher Patienten schließen sich deshalb einer Selbsthilfegruppe an, um von anderen zu lernen. Besonders erfolgreich sind die von dem Hamburger Psychologen Dr. Thomas Bock entwickelten Psychose-Seminare, in denen Betroffene, Angehörigen und Experten gemeinsam an der Krankheit arbeiten.

Weil bipolare Störungen aber einen ganz eigenwilligen Verlauf haben, wurde jetzt an der Uni-Klinik München von der Psychologin Annette Schaub speziell ein Handbuch für bipolare Gruppen entwickelt. Es führt die Teilnehmer in 14 Sitzungen systematisch durch das Wissen über die Krankheit: Erklärungsmodelle, Medikamente, Symptome von Depression und Manie, Erkennen von Frühwarnzeichen, Vorbeugen von Rückfällen, Streßbewältigung und gesunder Lebensstil. Diese Strategien wurden in München über Jahre hinweg an bipolaren Gruppen erprobt, mit den Patienten gemeinsam entwickelt und systematisch überprüft. Sie helfen, der Krankheit das Unheimliche zu nehmen und die Zusammenarbeit mit dem Arzt zu verbessern. So muß niemand mehr dem Geschehen hilflos ausgeliefert sein, sondern kann Herr der eigenen Krankheit werden. "Es ist durch zahlreiche Studien wissenschaftlich belegt, daß die Teilnahme an solchen Gruppen die Rückfallwahrscheinlichkeit erheblich vermindert", sagt Oberarzt Dr. Michael Bauer von der psychiatrischen Ambulanz der Charite' Campus Mitte.

Weil die Kranken in den manischen Phasen oft hohe Schulden machen oder sich in andere riskante Abenteuer stürzen, kann beim Amtsgericht ein Betreuer beantragt werden. Das ist ein erfahrener Helfer, der über bestimmte Bereiche hilfreich wachen kann, über Finanzen, Aufenthalt oder Therapie. Die Notwendigkeit einer solchen Betreuung kann jederzeit gerichtlich überprüft werden und ist keine "Entmündigung" im alten Sinne. Viele kriegen ihre Krankheit auf diese Weise allmählich in den Griff.