Faulheit als Tugend

Wer sich ihr hingibt, zieht sich leicht den Unwillen seiner Mitmenschen zu. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", schrieb der heilige Paulus in seinem zweiten Brief an die Thessalonicher. Und Bundeskanzler Schröder erhielt Beifall von allen Seiten, als er vor einiger Zeit verkündete: "Niemand hat ein Recht auf Faulheit." In früheren Zeiten, vor allem in protestantischen Ländern, war Arbeit eine von Gott auferlegte Pflicht und Erfolg in der Arbeit ein Beweis für Gottes Segen. Heutzutage leben wir in einer Gesellschaft, die Arbeit als Selbstzweck ansieht, die meisten Menschen leben, um zu arbeiten, und manche Arbeitslose verlassen gar früh morgens das Haus, damit die Nachbarn glauben, sie gingen wie gewohnt ins Büro.

Doch wer nur vor sich hin schuftet und seine Erholung auf den Jahresurlaub verschiebt, betreibt Raubbau an sich selbst. "Viele Menschen machen zu wenig Pausen", meint Professor Hennig Allmer, Leiter des Instituts für Psychologie an der Sporthochschule Köln, Spezialist für Gesundheits- und Altersforschung. Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass zwei Drittel aller Berufstätigen nicht in der Lage sind, nach der Arbeit richtig abzuschalten. "Der Stress wird dann mit in die Freizeit genommen. Vor allem Lehrer haben große Schwierigkeiten sich zu entspannen." Wenn jemand ständig unter Strom steht, bleiben die Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortison, auf einem unnatürlich hohen Niveau. Nach den Feststellungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Stress eine der größten gesundheitlichen Gefahren, verantwortlich für die meisten Herzkreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck und Schlaganfälle. Ebenso fatal sind die Auswirkungen auf die Psyche: chronische Müdigkeit, Energiemangel, Depressionen und verschiedene psychosomatische Reaktionen wie Herzrasen und Atembeschwerden sind die ersten Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung, die allgemein als Burn-out-Syndrom bekannt ist. Kann man dann auch abends oder am Wochenende sein Stressniveau nicht mehr in den ersten Gang zurück schalten, tritt die nächste Phase der Krankheit ein. Die Betroffenen ziehen sich zurück, stumpfen ab und können keine Gefühle mehr empfinden. Schließlich häufen sich die Fehler in der Arbeit und oft hilft nur die Krankmeldung, um einen völligen Zusammenbruch zu vermeiden. Nicht immer muss es so schlimm enden. Der Körper gibt frühzeitig Signale, auf die man nur hören muss. Wer unter Nacken- und Kopfschmerzen, ständigen Erkältungen und Herzrasen leidet, in den letzten Monaten mehr als fünf Prozent Gewicht zu- oder auch abgenommen hat, oder nachts noch mal alle Probleme des Tages durchkaut und kaum Schlaf findet, stattdessen aber Tagsüber öfters "wegnickt" und sich an das soeben Gelesene nicht mehr erinnert, sollte auf die Bremse treten.

Doch die Fähigkeit der Entspannung will gelernt sein. "Die klassischen Entspannungsverfahren wie autogenes Training oder die progressive Muskelentspannung sind gute Möglichkeiten, vor allem, weil schon drei bis fünf Minuten ausreichen können, um die gewünschte Wirkung zu erzielen", empfiehlt Professor Allmer. Manchmal hilft es auch schon, die Ellenbogen auf den Tisch zu stützen, die Hände vor die Augen zu legen und eine Minute lang an nichts zu denken. Kleinere Pausen bringen ebenfalls Anspannung und Entspannung in ein ausgewogenes Verhältnis. "Die Pausen sind allerdings für jeden Menschen unterschiedlich. Der eine braucht schon nach einer Stunde Arbeit fünf Minuten Auszeit, der andere muss vielleicht erst nach drei Stunden eine Pause von zwanzig Minuten einlegen." Die logische Konsequenz aus dieser Regel ist, so erklärt Allmer, dass diejenigen, die unter Daueranspannung ein halbes Jahr durcharbeiten, auch ein halbes Jahr Pause machen müssten.

Es ist schon eine Kunst, sich seine Kräfte richtig einzuteilen. Der Mensch kann da durchaus von manchen klugen Tieren lernen, so jagen die Bären in Alaska während der Lachssaison nicht wild den Fischen hinterher, sondern stellen sich an den Rand von Wasserfällen und warten, dass die Lachse, ermattet von der Anstrengung gegen den Strom zu schwimmen, ihnen vor die Tatzen oder sogar ins Maul springen. Bären bieten überhaupt ein gutes Beispiel für eine gesunde Mischung zwischen Arbeit und Müßiggang: Sie können sehr schnell laufen und reagieren, aber auch einfach faul herumliegen. Ein gutes Zeitmanagement des Menschen verhindert ebenfalls Stresssituationen, zwischen mehreren Terminen sollte man Pufferzeiten einbauen, um nicht von einem Termin zum nächsten zu hetzen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil von Erholung, so Allmer, ist ausreichende Bewegung. Keinesfalls schöpft man neue Kräfte, wenn man auch in der Mittagspause am Schreibtisch sitzen bleibt. Bewegung bringt frischen Sauerstoff in den Körper und in den Kopf. Auch die Fahrt mit dem Rad zur Arbeit und nach Hause ist ein gutes Mittel, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Ein Spaziergang, möglichst in ruhiger Umgebung und nicht am Kudamm entlang, hilft ebenfalls, den Feierabend richtig genießen zu können. "Der Müßiggang muss wieder positiv besetzt werden", fordert Allmer. Von der Vorstellung "auch in der Freizeit muss ich was tun", hält er wenig. Besonders Männer würden meinen, dass ein Sport, der völlig auspowert, ihrer Gesundheit gut tut. Das riesige Angebot der Freizeitindustrie nährt allerdings den Verdacht, dass der moderne Mensch Nichtstun nicht ertragen kann und auch am Wochenende gern arbeitet, sei es im Fitness-Studio oder um Haken in eine Kletterwand zu schlagen.

Eine ganz andere Einstellung zur Arbeit hatte das alte Griechenland, immerhin die Wiege unserer Zivilisation. "Arbeit und Tugend", behauptete der Philosoph Aristoteles, "schließen einander aus". Nur in Muße und in Kontemplation könne sich der Mensch zu einem geistigen Wesen entwickeln, körperliche Tätigkeit verderbe den Charakter. Bei diesen Vorstellungen wundert es nicht, dass die Athener die Eule zum Wappentier wählten. Die döst bekanntlich den ganzen Tag und wurde trotzdem Symbol der Weisheit.