Prostatakrebs: Tests zur Früherkennung umstritten

Ich überlege, ob ich einen PSA-Test machen lasse. Ich bin mir aber nicht sicher, ob der mir was bringt". Mit diesen Worten erkundigte sich ein etwa 60-jähriger Mann bei mehreren Berliner Urologen nach dem Bluttest zur Früherkennung von Prostatakrebs. Was die Ärzte nicht wussten: Der neue Patient war Mitarbeiter der Stiftung Warentest und prüfte die Qualität der Aufklärung.

"Wir müssen die Männer ehrlich über alle Konsequenzen aufklären, die ein PSA-Test haben kann, und zwar bevor sie sich Blut abnehmen lassen", meint auch Prof. Fritz Schröder, Urologe an der Universität Rotterdam, im Deutschen Ärzteblatt. Wer sich für die Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA) entschließt, sollte erfahren, dass der Test für Gesunde auch Nachteile birgt: Ist der PSA-Wert zu hoch, wird der Mann zum Patienten. Der PSA-Wert steigt allerdings nicht nur beim bösartigen Tumor an. Auch eine gutartige Vergrößerung der Prostata oder mechanische Reize wie zum Beispiel Sex, Verstopfung oder Rad fahren lassen ihn steigen. Also wird zuerst kontrolliert. Dann folgen möglicherweise weitere Untersuchungen. Letzte Klarheit schaffen oft erst Gewebeproben.

Die Betroffenen warten und bangen, bis schließlich für die meisten die Entwarnung kommt. Lautet die Diagnose aber Krebs, raten die Ärzte in der Regel zur Operation. Der Eingriff ist technisch schwierig. Viele Männer leiden danach an Impotenz oder Blasenschwäche.

Wenn es um Leben und Tod geht, mag dieser hohe Preis gerechtfertigt erscheinen. Viele der mutmaßlich Geretteten schwebten aber gar nicht in Lebensgefahr. Denn es gibt zwei Typen von Prostatakrebs. Einen aggressiven, schnell wachsenden und einen langsam wachsenden, den insbesondere ältere Männer in der Regel nicht mehr erleben. Schätzungsweise ein Drittel der Männer zwischen 50 und 75 Jahren leben mit einem mikroskopisch kleinen Prostatakarzinom. Aber lediglich 30 000 bis 40 000 Männer erkranken pro Jahr an Prostatakrebs. 11 000 sterben daran.

Das Dilemma: Bisher ist es nicht möglich, durch feingewebliche Untersuchungen die beiden Typen zu unterscheiden und damit den weiteren Krankheitsverlauf vorherzusagen. Wachsen die Tumorzellen rasch und aggressiv, würde der Betroffene durchaus von früher Diagnose und Therapie profitieren. Viele Selbsthilfegruppen und Urologen empfehlen deshalb den jährlichen PSA-Test ab 50. Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) nimmt Stellung: "Natürlich ist das Wissen um einen Tumor im Frühstadium ... belastend. Aber um wie viel belastender ist die Diagnose "unheilbar", weil zu spät erkannt?" Grundsätzlich ist die DGU der Auffassung, dass die Vorteile die Nachteile bei weitem überwiegen."

Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. empfiehlt dagegen: "... beim Angebot dieser Screeningmaßnahme große Zurückhaltung zu üben". Die Wissenschaftler stützen ihre ablehnende Haltung auf mehrere Studien. Keine Untersuchung konnte bisher zeigen, dass PSA-Tests die Sterblichkeit am Prostatakrebs senken. Das wird aber als Nachweis für die Effektivität einer Früherkennungsuntersuchung erwartet. Auch Malcolm Law, Professor für Präventivmedizin in London, sieht die PSA-Bestimmung skeptisch. "Keine veröffentlichte randomisierte Studie zeigt, dass die frühere Diagnose die Prognose verbessert", schreibt er im British Medical Journal. Und bevor eine Früherkennungsuntersuchung empfohlen wird, fordert er genauso strenge Prüfungen wie für ein neues Medikament.

Dem einzelnen hilft der Blick auf die Statistik aber nicht weiter. Was soll Mann tun? "Vor dem PSA-Test sollte sich der Patient darüber im Klaren sein, ob er die möglichen Konsequenzen tragen und den Weg zu Ende gehen will", meint Prof. Peter Mitznegg, Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Charité/Campus Benjamin Franklin. Entscheiden muss jeder für sich. Sein Arzt sollte ihn dabei unterstützen, indem er ihn gut informiert. Laut Stiftung Warentest hapert es aber dabei häufig. Die meisten Ärzte erläuterten dem Test-Patienten die Problematik der Früherkennung nur lückenhaft, einige sogar falsch.