Hilfe für die Opfer der DDR

Eigentlich, so dachte Christel Michael immer, hatte sie es doch geschafft. Vorbei die schweren Zeiten in der DDR, als sie und ihr Mann 1986 festgenommen worden waren, nur weil sie einen Ausreiseantrag gestellt und mit anderen darüber geredet hatten.

Foto: Manja Elsässer / Augen-Blick / Manja Elsässer

Eigentlich, so dachte Christel Michael immer, hatte sie es doch geschafft. Vorbei die schweren Zeiten in der DDR, als sie und ihr Mann 1986 festgenommen worden waren, nur weil sie einen Ausreiseantrag gestellt und mit anderen darüber geredet hatten. Vergangen die endlosen Tage in der Einzelhaft im Stasi-Untersuchungsgefängnis Halle, vorüber die Demütigungen, das Ausgeliefertsein.

Im Ungewissen gehalten zu werden, was sie bloß mit dem 12-jährigen Sohn anstellen - "das war das Schlimmste", sagt sie.

Aber die Ohnmacht nahm ja ein Ende. Ein Jahr nach der Inhaftierung waren sie im Westen, alle drei, freigekauft, zum Glück. In West-Berlin fanden sie Arbeit und Freunde, es ging ihnen gut.

"Man denkt, man hat es verarbeitet", sagt die 58-Jährige heute. "Aber dann ergibt sich etwas, und man merkt, man hat gar nichts verarbeitet."

Seit 2002 schläft Christel Michael immer schlechter. Albträume wecken sie auf: Hinter einer gläsernen Wand sieht sie ihren Sohn verbrennen. Panik überfällt sie dann, so stark, dass sie erbrechen muss. "Ich magere ab, das macht mir Angst" - so sagt es eine selbstbewusste Frau, die viel Mut bewiesen hat im Leben.

Immerhin, es ist schon besser geworden. Zunächst war Christel Michael ratlos. Von Psychiatern bekam sie Medikamente, verstanden fühlte sie sich nie. Hilfe fand sie erst bei der Beratungsstelle "Gegenwind". Ein Jahr lang setzte sie sich in Einzeltherapie mit ihren Erlebnissen auseinander, noch heute geht sie zu den Gruppen-Treffen. "Ich brauche den Austausch, sonst laufe ich aus dem Ruder."

Einige Tausend Menschen mit ähnlichen Schicksalen hat Stefan Trobisch-Lütge schon beraten. Von 1994 an hatte der Psychotherapeut die in Moabit ansässige Einrichtung mit aufgebaut, aus der Einsicht heraus, dass die Betroffenen spezielle Angebote benötigen. "Die wenigsten Therapeuten kennen sich mit der Arbeit der Stasi aus", sagt er. Man brauche aber Hintergrundwissen, um etwa das starke Misstrauen ehemaliger Inhaftierter verstehen zu können. Außerdem erlebten sich viele von ihnen nicht als psychisch krank, sondern als Opfer großen Unrechts. "Damit werden sie in normalen psychologischen Praxen eher abgelehnt", sagt Trobisch-Lütge.

Die meisten seiner Klienten haben Isolationshaft erfahren. Mit akribisch ausgetüftelten Methoden wurden sie "zersetzt", wie es im Stasi-Jargon hieß. Aufgerieben durch stundenlange Verhöre. Gebrochen durch Vorspiegelung falscher Tatsachen, etwa, dass sich der Partner getrennt hätte. Oder, wie bei den Michaels, durch den Entzug des Kindes. "Alles, was einem lieb und teuer war, wurde angegriffen", sagt Trobisch-Lütge.

Bei vielen ehemaligen Häftlingen sollte das Spuren hinterlassen, unsichtbar, heimtückisch. Vielfältig sind die Folgen einer Traumatisierung: Die einen hat ihr Misstrauen sozial isoliert. Andere werden von Ängsten und Depressionen geplagt. Ehen scheitern deshalb, eigene Kinder oder Freunde wenden sich ab. Die allermeisten, die noch im Erwerbsalter sind, sind arbeitsunfähig.

Dabei haben viele nach ihrer Entlassung ganz normal gelebt - bis etwas die erlittene Ohnmacht wiederkehren ließ. Bei manchen ist es der Einblick in die Stasi-Akten gewesen, bei anderen ein bestimmter Geruch - plötzlich ist das verdrängte Leid da.

Bei Christel Michael war es der Tod einer jungen Frau, die sie in der Haft kennengelernt hatte. 2002 stirbt die Freundin an einer Krebserkrankung, mutmaßlich ausgelöst durch eine Röntgen-Bestrahlung in der Stasi-Haft. Am Sterbebett nimmt sie ihr das Versprechen ab, die Verantwortlichen zu suchen. "Aber ich konnte es nicht halten, seitdem geht es mir saudreckig."

Verletzbarer geworden, gibt es immer mehr Anlässe, die schmerzen. Sobald in einem Film eine Gefängnistür geschlossen wird, muss Christel Michael den Raum verlassen. Aber auch reale Vorgänge treffen sie: "Von Rot-Rot regiert zu werden - das ist für mich, als würde ich noch mal mit Füßen getreten", sagt die Stasi-Verfolgte. Genauso wütend macht sie, dass die Opferrente für Menschen wie sie an Bedingungen geknüpft wurde. So müssen beispielsweise mindestens sechs Monate Haft nachgewiesen werden.

Bei ihrem Therapeuten hat sie gelernt, von solchen öffentlichen Debatten Abstand zu halten. Nicht alle schaffen das, wegzukommen vom Hass. Manche werden auch immer wieder neu verletzt, berichtet Trobisch-Lütge. Etwa wenn sie vermittelt bekommen, sie hätten wohl etwas falsch gemacht im Leben.

Einen allzu lässigen Umgang mit Folgeschäden der DDR macht der Psychologe auch in der Politik aus. Die Förderung wird beständig zurückgefahren, bei weiteren Kürzungen, befürchten er und seine Kollegin, wird die Beratungsstelle schließen müssen. Muss das denn noch sein - nicht selten lautet so der Tenor auf seine Anträge. "Dabei kommen nach wie vor viele Menschen zu uns", sagt Trobisch-Lütge. Nicht zuletzt jene, die in Rente gehen mussten: Ohne Arbeit können sie sich weniger von ihrer Vergangenheit ablenken.

Davor graut auch Christel Michael. Noch betreibt sie ihre eigene Reinigung in Tempelhof. Was aber, wenn sie tagsüber nicht mehr so gut beschäftigt ist? Neulich meinte eine Freundin zu ihr: "Wenn ich dich so höre, merke ich manchmal, du hast nicht ein Jahr gekriegt, sondern lebenslänglich."