Mentoren helfen Flüchtlingen

Ein typischer Sonntagnachmittag sieht für Lindsey Pierre Louis und Sandra Kulik so aus: Erst wird gemeinsam gekocht oder gebacken, dann gehen die beiden zusammen spazieren und treffen sich mit Freunden.

Ein typischer Sonntagnachmittag sieht für Lindsey Pierre Louis und Sandra Kulik so aus: Erst wird gemeinsam gekocht oder gebacken, dann gehen die beiden zusammen spazieren und treffen sich mit Freunden. An diesem Sonntag backen sie Apfel-Walnuss-Taschen. Auf Teigabschnitte sollen Apfelmus und frisch geknackte Nüsse platziert werden. Als Lindsey Pierre Louis den Nussknacker zum ersten Mal in die Hand nimmt, schießt die Nuss unversehrt über den halben Tisch. Beim nächsten Knackversuch klappt es schon besser, und kurz darauf verschwindet das Blech mit den Kuchenteilen im Backofen.

Die Frauen haben sich im Mai dieses Jahres über den Verein "Xenion - Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e.V." kennen gelernt. Lindsey Pierre Louis musste ihre Heimat Haiti verlassen, weil sie Mitglied einer oppositionellen Partei war und um ihr Leben fürchtete. Kriminalität, Korruption, gewalttätige Konflikte und die Verletzung von Menschenrechten sind in dem Karibik-Staat an der Tagesordnung. "Hier in Berlin fühle ich mich sicher. Die Stadt gefällt mir, weil hier auch viele andere Ausländer leben", sagt die 26-Jährige. "Aber meine Heimat fehlt mir sehr. Der Strand, die Sonne, meine Familie - einfach alles!" In Haiti hat Lindsey Pierre Louis als Laborantin gearbeitet, in Deutschland darf sie, solange ihr Asylverfahren noch läuft, nicht arbeiten. "Ich bin jung und stark und würde eine Arbeit haben. Oft muss ich weinen, weil ich nicht weiß, was aus mir wird", sagt sie. Unter der Woche besucht Lindsey Pierre Louis einen Sprachkurs, am Wochenende übt sie die Sprache gemeinsam mit Sandra Kulik. Verständigungsprobleme sind selten. Die Deutsche spricht französisch, für Notfälle liegt ein kleines gelbes Langenscheidt-Wörterbuch den ganzen Nachmittag über in greifbarer Nähe.

"Ich weiß, wie es ist, wenn man irgendwo ankommt und niemanden kennt, denn ich habe selbst im Ausland studiert und gearbeitet", sagt Sandra Kulik, über ihre Gründe, sich seit anderthalb Jahren als ehrenamtliche Mentorin für Flüchtlinge zu engagieren. "Für mich war es wichtig, eine Aufgabe zu übernehmen, bei der ich auch wirklich mit Menschen zu tun habe." Die 33-Jährige ist beruflich stark eingespannt und leitet die Berliner Dependance eines internationalen Auktionshauses. Vor Lindsey Pierre Louis betreute sie einen jungen Mann aus Kurdistan. "Zwischen uns lief die Kommunikation ganz anders, weil ich ja kein Wort Kurdisch kann und er zunächst überhaupt kein Deutsch konnte. Damals haben wir sehr viel Deutschunterricht gemacht", erinnert sich Sandra Kulik. Mit Lindsey jedoch sei das Verhältnis anders, freundschaftlicher. Die Frauen sind auch schon abends gemeinsam ausgegangen.

Etwa 70 Mentoren werden über Xenion an politische Flüchtlinge, von denen die meisten erst seit Kurzem in Berlin sind, vermittelt. Die Mentoren helfen den Neuankömmlingen, sich in der Stadt zurechtzufinden. Sie machen sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln vertraut, unterstützen sie bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und sind auch behilflich, wenn es darum geht, einen Sportverein oder eine Kirchengemeinde zu finden. Die politischen Flüchtlinge finden den Weg zu Xenion meist über öffentliche Einrichtungen, über Rechtsanwälte und über Mund-zu-Mund-Propaganda.

Der Verein besteht seit 20 Jahren und ist mittlerweile zu einem psychotherapeutischen Behandlungszentrum für traumatisierte Flüchtlinge und Überlebende von Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen geworden. Das Mentorenprogramm ist eine Ergänzung zu der professionellen Hilfe, die der Verein politisch Verfolgten bietet.

"Die Arbeit der Mentoren hilft den Flüchtlingen sehr bei der Integration. Oft sind die Mentoren die einzigen Bezugspersonen, die sie hier in Deutschland haben", berichtet Amelie von Griessenbeck, die das Projekt hauptamtlich als Koordinatorin betreut. "Einige der ehrenamtlichen Helfer kümmern sich auch um Familien. In der Regel ist es aber eine Eins-zu-eins-Betreuung. Wichtig ist, dass die Leute einen persönlichen Ansprechpartner haben." Die Koordinatorin betont, dass die sozialen Aspekte der Mentorenschaft im Vordergrund stehen. In erster Linie ginge es darum, dass den Menschen das Gefühl vermittelt würde, willkommen zu sein.

Interessierte Mentoren in spe sollten "Interesse an der Sache, Motivation und gesunden Menschenverstand" für die Aufgabe mitbringen. In Vorgesprächen klärt Amelie von Griessenbeck mit beiden Seiten die Bedürfnisse und Erwartungen. Während der ersten Treffen zeigt sich dann meist schnell, ob die zwischenmenschliche Chemie stimmt. Ein Großteil der Mentoren sind Studenten. Die Betreuungszeit richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen der Migranten.

Lindsey Pierre Louis wurde von dem Verein gefragt, ob sie lieber von einem Mann oder von einer Frau betreut werden wollte. Eine Frau war ihr lieber. "Ich bin sehr glücklich, dass ich Sandra getroffen habe. Auch weil ich noch immer keine anderen Haitianer hier in Berlin getroffen habe", sagt sie. Nachdem die beiden den Kuchen gekostet haben, werden sie noch zu einem kleinen Ausflug aufbrechen. Zum Abschluss des Nachmittags steht noch der Besuch eines gemeinsamen Freundes auf dem Programm.