Mit einer Pferdestärke durchs Havelland

Nein, Tosca ist bestimmt kein dummer Gaul, und deshalb weiß sie auch ganz genau, dass es nicht so günstig ist, sich gegenüber einem dieser blutigen Anfänger auf ihrem Pferderücken allzu widerspenstig zu zeigen. Während sie die ungelenken Bewegungen des Reiters auf dem Sattel so gut es eben geht zu deuten versucht, setzt die elegante Dunkelfuchsdame locker einen Huf vor den anderen - und wartet auf ihre Chance.

Die kommt bei der kleinen Pfütze kurz nach der Biegung des Waldwegs. Denn: Schlammwasser ist Toscas Lieblingsgetränk. Und also bleibt das ansonsten so folgsame Tier plötzlich stehen, senkt den Kopf und lässt sich durch nichts mehr vom Trinken abhalten. Was tun? Sabine Zuckmantel, die diese kleine Szene von der Spitze des Zuges aus beobachtet hat, bleibt achselzuckend stehen und lacht. «Gar nichts, einfach abwarten, bis sie genug hat.»

Keine Frage, ihre Pferde sind Tiere mit einem ausgeprägten Willen. Das ist kein Zufall. Das hat Sabine Zuckmantel genau so gewollt, nachdem sie im Herbst vor zwei Jahren von der Großstadt die Nase voll hatte und gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten beschloss, Berlin den Rücken zu kehren, um unweit von Vehlefanz im Brandenburgischen Havelland einen Reiterhof zu gründen.

Keinen ganz normalen Hof allerdings. Sie folgt der Philosophie des «offenen Reitstalls», bei der ihre sieben Berber und die Warmblutstute in einer Herde zusammenleben und selber entscheiden können, wann sie die Box aufsuchen. Dazu bietet Sabine Zuckmantel ein außergewöhnliches Programm an: einen Drei-Wochen-Ritt an die Ostsee zum Beispiel oder einen Wochenendausflug zur Oper nach Rheinsberg. «Es gibt doch nichts Schöneres, als dort mit einem Pferd vorgeritten zu kommen», schwärmt die 37-Jährige.

«Sonntagsritt zum Champagnerbrunch», heißt es dagegen heute. Mit einem PS durch die märkische Landschaft. Durch Wälder und kleine Dörfer, über Felder und Wiesen. Der Weg ist das Ziel. Erholung pur, und das nur eine halbe Autostunde von der Reinickendorfer Stadtgrenze entfernt. Ein Ritt, verbunden mit den Idealen der Slow-Food-Bewegung. Denn nach dem Vormittag auf dem Sattel folgt die Mittagspause: Aufgebaut ist eine Tafel mit Tischdecke und Porzellan - gereicht wird Räucherfisch aus Linum und Karolinenhöfer Ziegenkäse, marinierte Linsen und hausgebackenes Kürbiskernbrot, selbst gemachter Jogurt und italienische Fenchelsalami. «Will etwa jemand keinen Champagner?», fragt Sabine Zuckmantel die achtköpfige Gruppe. Was für eine Frage!

Brandenburg ist mit einem Anteil von einem Drittel Wald an der gesamten Landesfläche ein sehr gutes Terrain für Wanderreiter. Sabine Zuckmantel kennt die Region mit dem auf 5000 Kilometer angelegten Reiterwegnetz wie ihre Satteltasche. «Mit kleinen Gruppen können wir hoch zu Ross die Natur erleben, wie sie ist: vielfältig und wunderschön weitläufig», sagt sie. Etliche Reiterhöfe entstanden in den vergangenen Jahren auf märkischem Boden. Viele ehemalige LPGs sattelten nach der Wende um und setzen seither auf den Reittourismus. Dennoch ist die Gegend für Wanderreiter bislang kaum touristisch erschlossen. «Aber das ist ja gerade das Reizvolle», sagt Sabine Zuckmantel. «Neckermann-Charakter hat das hier jedenfalls nicht.»

Hoppe, hoppe Reiter - ganz ausgefallen und individuell. Das beginnt schon damit, dass der Tag harmonisch mit Abbürsten, Satteln, Zaumzeug umschnallen startet. Auf diese Weise kommen sich Pferd und Reiter langsam näher und gewöhnen sich aneinander. Die Tiere machen jedenfalls einen zufriedenen Eindruck. Darauf gibt auch das prustende Ausschnauben einen deutlichen Hinweis. Was folgt, ist ein Tag im Sattel. Im Grünen. Und am Abend kann der eben noch so gestresste Großstädter entspannt nach Berlin zurückkehren. Entspannt, aber nicht immer schmerzfrei. Und manchmal äußerst dankbar darüber, dass nur der Stehplatz in der Regionalbahn anstatt der Fahrersitz im Auto wartet.

Wer bei Sabine Zuckmantel mitreiten möchte, bucht über das Forum Havelland der Deutschen Wanderreiter Akademie (DWA), Breite Straße 59a, 16 727 Vehlefanz, Tel.: 03304-25 32 28/9. Die nächsten Termine sind: «Sonntagsritt zum Champagnerbrunch» (1.9.), «An die Ostsee» (29.7. - 18.8.), «Auf dem Künstlerpfad nach Netzeband» (30.9. - 6.10.), dazu werden regelmäßige Ausritte und Kurse angeboten.