Stottern ist ein Tabuthema

Im ersten Moment läuft alles glatt. Die Worte sprudeln in ungebremstem Redefluss. Doch dann ist sie da: die Sprachbremse, die unwillkürlich Buchstaben, Silben oder Worte zur Stolperfalle werden lässt.

Im ersten Moment läuft alles glatt. Die Worte sprudeln in ungebremstem Redefluss. Doch dann ist sie da: die Sprachbremse, die unwillkürlich Buchstaben, Silben oder Worte zur Stolperfalle werden lässt. "Blocks" nennen Stotterer die Stellen, an denen sie hängen bleiben. "Mancher stolpert über Vokale. Andere brauchen bei Konsonanten lange Sprechpausen", erklärt Audris Muraitis. Der 33-Jährige ist selbst Stotterer. Seit drei Jahren ist der gebürtige Berliner in einer Stotterer-Selbsthilfegruppe aktiv. "Sich dem Problem zu stellen und den Schritt zu gehen, mich einer Gruppe Betroffener anzuschließen, war für mich nicht einfach." Er habe sich überwunden und sei froh darüber.

Denn eine Schulzeit mit Hänseleien liegt hinter ihm. Während seines Studiums der Sozialwissenschaften und Psychologie sowie bei seiner Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Institut spitzte sich das Problem des Stotterns und der Sprechangst zu. Muraitis: "Nicht zu sprechen kam für mich aber nicht in Frage." Mit dieser Einstellung ging er in die Stotterer-Selbsthilfe und engagiert sich seitdem für Stotternde.

Besuche in der Selbsthilfegruppe bestärkten ihn, mit dem Thema offensiver umzugehen. Die Selbsthilfe-Arbeit half ihm aus seiner Isolation heraus, in die er sich wegen "kleiner Sprach-Vorkommnisse" geflüchtet hatte. Selbstbewusst hält er nun Seminare vor Studenten und tritt mit Vorträgen bei Kongressen vor ein Fachpublikum. Er nimmt es nicht mehr so schwer, wenn ihm mal ein Satz nur holprig über die Lippen geht. Das Problem sei für ihn in den Hintergrund getreten. Um anderen zu helfen, engagiert er sich jetzt im Vorstand des Stotterer-Selbsthilfe Berlin e.V.

Zu den Vorstandsmitgliedern gehört auch Antje Liebing. Wie Muraitis weiß sie inzwischen mit ihrem eigenen Stottern umzugehen. Die 30-jährige Krankenschwester ärgert sich jedoch nach wie vor über hartnäckige Vorurteile gegenüber Stotterern. Fehlende Intelligenz oder auch soziale Probleme sind häufig Attribute, die in einen Topf mit dem Sprachproblem geworfen werden. Dass Stottern sich mit Klugheit oder Talent nicht ausschließen, zeigen jedoch immer wieder prominente Beispiele. Bekannte Wissenschaftler wie Isaac Newton (1642-1727) oder schon der griechische Gelehrte Aristoteles (384-322 v. Chr.) sollen heftig gestottert haben. Erfolge trotz sprachlichen Handicaps erzielte etwa der irische Schriftsteller und Nobelpreisträger George Shaw (1856-1950). Auch der Karriere von so manchem im Rampenlicht stehenden Star wie etwa der Schauspielerin Marilyn Monroe (1926-1962), die betroffen gewesen sein soll, tat die Sprachbehinderung keinen Abbruch. Das Spiel auf der Bühne oder vor der Kamera nutzte der Schauspieler Bruce Willis für sich, um mit seinem Stottern klarzukommen. Er selbst nennt es eine Therapieform gegen sein Stottern.

Den Mut zum offenen Umgang mit dem Stottern hatten auch Vereinsmitglieder, die selbst eine Theatergruppe gründeten. "Leider ist die Theaterarbeit zur Zeit etwas eingeschlafen", bedauert Muraitis. Aktiv ist allerdings der "Speaking Circle" der Gruppe, der sich regelmäßig zwei Mal im Monat trifft. Nicht nur fachliche Hilfe von Dozenten, sondern vor allem das Üben des Redens gehört zu dessen Angeboten. Doch noch ein anderes Thema liegt der Selbsthilfegruppe am Herzen: Oft reagiere der Zuhörer oder Gesprächspartner auf das Stottern auf ungeeignete Weise. "Man sollte nicht die Worte vorsagen oder Sätze vollenden", so die Bitte von Antje Liebing.

Zu Gelassenheit und Geduld im Gespräch mit Stotterern rät auch Audris Muraitis. Druck oder Mitleid verstärke das Stottern und führe lediglich zur Unsicherheit. Um Andere für den Umgang mit Stotterern zu sensibilisieren, organisiert die in Köln ansässige Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. eine jährliche Bustour "Stottern und Schule". Die Arbeit in Schulen soll helfen, das Thema von seinem Tabu zu befreien. Verbreitete Vorurteile sollen über Bord geworfen und der Umgang mit Stotterern normalisiert werden. Das ist auch das Ziel des jährlichen Welttags des Stotterns am 22. Oktober, der im kommenden Herbst zum zehnten Mal organisiert wird.

Bei Erwachsenen ist das Stottern kaum heilbar, kann aber durch bestimmte Wortwahl oder auch Atemtechnik zum Teil umgangen werden. Da jede Stottersymptomatik individuell ist, gibt es jedoch keine Einheitsmethode zur Lösung des Problems, sondern eine Anzahl verschiedener Therapien, damit umzugehen. Offen ist auch die eindeutige Antwort auf die Frage nach der Ursache für dieses sprachliche Handicap.

Dennoch wollen Stotterer nicht nur als Leidende angesehen werden. Muraitis: "Zu stottern ist ja auch witzig." Und so gelingt es den Stotterern bei ihren Treffen, auch mal lauthals über sich selbst zu lachen.