Die Leiden der Zweitfrau

Fast jede dritte deutsche Ehe wird geschieden, da ist die "Chance", einen geschiedenen Mann kennen zu lernen, relativ groß. Die meisten Frauen, die sich in einen schon mal verheirateten Mann verlieben, ahnen jedoch nicht, welche Probleme auf sie zukommen können. Die erste Frau und deren Kinder werfen einen langen Schatten, den nicht jede neue Beziehung auf Dauer erträgt.

So beschreibt eine Frau in Doris Frühs Buch "Im Schatten der Ersten" ihren Frust: "Eine Ex-Frau darf ihrem Ex-Mann ungestraft das Leben zur Hölle machen, den Umgang mit dem Kind boykottieren, ihn in den finanziellen Ruin treiben - das wird vom Staat noch mit Prozesskostenhilfe subventioniert!"

Die "Dämonisierung" der zweiten Frau, die den "Papa weggenommen" und das Familienleben zerstört hat und die Angst vieler Männer, nach einer Trennung ihre Kinder nicht oder zu selten sehen zu dürfen, sind eine schwere Hypothek für das zerbrechliche neue Glück. Auch die finanzielle Belastung ist eine harte Probe für viele "Second-Hand-Beziehungen". Laut Gesetz müssen die Unterhaltsansprüche der ersten Frau und ihrer Kinder vorrangig befriedigt werden. So bleibt für die zweite Frau oft nichts mehr übrig. Während die erste Frau sogar an den Steuervorteilen durch eine Wiederheirat ihres Ex-Mannes teilhat, weil der Unterhalt mit höherem Einkommen steigt, ist ein Großteil der Zweitfamilien arm. Vielen unterhaltspflichtigen Männern bleibt oft nur ein Betrag zum Selbstbehalt, der kaum das Sozialhilfeniveau übersteigt. Daher müssen viele Zweitfrauen selbst das Familieneinkommen dauerhaft sichern, was als enorme Belastung empfunden wird.

Der "Interessenverband Unterhalt und Familienrecht" (ISUV) kritisiert die Privilegierung der Erst-Ehefrau und hat zu diesem Thema ein Merkblatt herausgegeben, das die Rechtslage darstellt und Möglichkeiten aufzeigt, Benachteiligungen zu kompensieren. Der Verband setzt sich für die Unterhaltsbegrenzung der Erst-Ehefrau ein, die dadurch zu mehr Eigeninitiative gezwungen werden soll. "Der Unterhalt ist doch keine Lebensversicherung", empört sich auch Birgit M., deren Mann rund siebzig Prozent seines Einkommens an die Exfrau und die beiden Kindern abgeben muss. Sie übernahm nicht nur die Kosten für Renovierung und Einrichtung der gemeinsamen Wohnung, sondern bezahlte sogar seine Scheidung. "Sonst wären wir heute noch nicht verheiratet!"

Während der Kindesunterhalt meist von allen als gerechtfertigter Anspruch angesehen wird, wird der Unterhalt für die Ex-Frau - zumindest wenn die Kinder größer sind - häufig als Schikane empfunden. Besonders die Tatsache, dass ein Ende der Unterhaltszahlungen für die "Ex" meist nicht abzusehen ist, wird von vielen Frauen und Männern als extrem quälend empfunden. Durch die dauernden Zahlungen an die erste Frau wird eine Lebensplanung für die Folgefamilie fast unmöglich. Während die erste Frau mit den Kindern sich scheinbar oder tatsächlich "viel mehr leisten kann", bleiben bei der zweiten Frau oft Verbitterung und Wut, denn der enge finanzielle Rahmen lässt kaum Raum für Veränderungen.

So kann die neue Partnerin häufig weder einen anderen Job annehmen, bei dem sie weniger verdienen, der sie aber glücklicher machen würde, noch Urlaub machen oder mit dem neuen Mann einen Hausbau planen. Auch den Wunsch nach Ehe oder eigenem Kind stellen viele Frauen zurück, denn der Mann "hat ja schon Kinder und will auf keinen Fall wieder heiraten".

Die ständige Rücksichtnahme und das Unterdrücken eigener Wünsche und Bedürfnisse verstärkt bei vielen Frauen das Ohnmachtsgefühl und führt häufig dazu, die neue Partnerschaft in Frage zu stellen. Mit der Erkenntnis der Realität stirbt auch oft die Liebe. Viele Zweitfrauen haben irgendwann einfach keine Lust mehr auf die neue Beziehung, denn "die schönen Seiten treten vor all den Problemen in den Hintergrund". Der Wunsch, eine "normale Beziehung" zu leben wird immer größer. "Ich wollte meinen Freund heiraten und mit ihm Kinder haben", sagt Birgit M., "und nicht ständig nur auf seine Kinder aus erster Ehe Rücksicht nehmen müssen!"

Leichter haben es da Frauen, die schon eigene Kinder haben und daher meist etwas älter sind. Ihr Kinderwunsch ist erfüllt und die Erwartungen, von einem Mann alle Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, sind meist geringer.

Die ständige Angst der Männer vor der Konfrontation mit der Ex-Frau und dem Verlust der Kinder führt dazu, dass die zweite Frau häufig ihre Bedürfnisse hintanstellt. So hat es Birgit M. jahrelang hingenommen, kein Wochenende mit ihrem Partner verbringen zu können, denn ihr Freund fuhr nach Hannover, um seine Kinder zu sehen. Da diese die neue Freundin des Vaters nicht treffen durften, war ein Besuch der Kinder in Berlin nicht möglich. Erst nach mehr als sieben Jahren - nach der Hochzeit - erlaubte die Ex-Frau, dass die Kinder Papas neue Frau kennen lernen durften.

Auch Nora K. litt darunter, dass die erste Frau ihres Partners "die Kinder als Machtinstrument gnadenlos benutzte". Seine Kinder durften "die Neue" während der zehn Jahre dauernden Beziehung nicht sehen, weil der Vater nicht in der Lage war, "sie auf die neue Situation einzustellen". Die Kinder hatten "immer Vorrang". Nora K. hatte das Gefühl, dass ihre "Bedürfnisse immer zuletzt befriedigt wurden". Ihr Partner weigerte sich auch, eine gemeinsame Wohnung mit ihr zu beziehen, denn dann hätten seine Kinder auf die neue Frau treffen müssen. Nicht zuletzt daran ist die Beziehung dann gescheitert.

Ein weiterer Streitpunkt sind die Besuchsregeln. Alle Termine für Urlaube, Feiertage, Wochenenden müssen mit der Ex-Frau besprochen werden, so dass nicht nur die Finanzlage des Ex-Mannes und seiner neuen Partnerin für diese transparent ist, sondern auch die Beziehung als solche.

Urlaubszeiten und Feiertage sind oft Krisenzeiten: Da Kinder in der Regel länger Ferien haben als ihre Väter Urlaub, bleibt für die Zweitfrau oft gar kein gemeinsamer Urlaub mit ihrem Partner, denn Papa verreist natürlich mit den Kindern. Auch an Feiertagen muss genau geregelt werden, wann Ex-Partner, Ex-Schwiegereltern, Ex-Großeltern die Kinder sehen dürfen. Bei diesem komplizierten Beziehungsgeflecht bleibt für die zweite Frau häufig kaum gemeinsame Zeit mit ihrem neuen Partner. Durch die dauerhafte Auseinandersetzung mit der Exfrau um Termine, Urlaube, Finanzen und Erziehungsfragen sei die alte Beziehung "nie abgeschlossen", sagt Nora K.

Wichtig sei es daher, schon am Beginn einer neuen Beziehung "klare Grenzen zu setzen, sowohl was den Umgang mit den Kindern als auch was die Finanzen betrifft", sagt die Sozialpädagogin Ingrid Erdmann. Männer sollten auf keinen Fall ständig neue Forderungen der Ex-Frau akzeptieren und nicht mehr als den gesetzlich bestimmten Unterhalt zahlen, d. h. auch keine Extrakosten für Urlaube, Einrichtung, teure Hobbys etc. übernehmen. Auch die Besuchszeiten sollten genau geregelt sein und nicht dauernd durch neue Wünsche der Ex-Frau gekippt werden können. Zweitfrauen sollten auf keinen Fall versuchen, die Mutter zu ersetzen. "Freundschaft anbieten, aber nicht aufdrängen", empfiehlt Ingrid Erdmann. Die zweite Frau solle "die Vaterrolle akzeptieren und nicht dagegen ankämpfen". Sie sollte "teilnehmen, aber ihm nicht alles abnehmen", sondern ihn auch "allein mit den Kindern etwas unternehmen lassen". Dieses Verhalten "mindere Eifersucht und verhindere Schuldgefühle".

Kinder sollen erkennen, dass ihnen die "Liebe des Vaters sicher ist und die neue Frau ihnen nichts wegnimmt". Anlässe wie Einschulung oder Geburtstag sollte das Kind mit beiden Eltern zusammen feiern können, allerdings setzt dies einen halbwegs respektvollen Umgang zwischen den Eltern voraus. Kontakte zwischen erster und zweiter Frau dürfen nicht erzwungen werden. Meist muss nach einer Trennung auch erst Zeit vergehen. Erst wenn alle eventuellen Streitgründe geregelt sind, kann ein normaler Umgang zwischen beiden Frauen entstehen.

Infos:

Doris Früh: "Der Schatten der ersten Frau", Kösel-Verlag, 208 Seiten, 14,95 Euro

Interessenverband Unterhalt und Familienrecht, Postfach 210 107, 90119 Nürnberg, www.isuv.de, Tel.: 0911/55 04 78

Kontaktstellen und Gesprächskreise für Zweitfrauen: Infos Antja Duks, Tel.: 067 32-83 38

E-Mail: Antje.Duks@t-online.de