Zwischenmenschlich

Sommer, Sonne, Weißglut

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Gott sei Dank, die Sommerhitze ist erst einmal vorüber. Wurde ja auch Zeit, dass Berlin sich ein bisschen abkühlt. Der Hauptstädter kann zwar bei jeder Wetterlage herummotzen, vor allem wenn Autos, Fahrräder und Kinderwagen im Spiel sind, aber vergangene Woche waren einige Menschen, denen man auf der Straße begegnete, doch der Weißglut nahe.

Zum Beispiel der Müllmann in der Kehre der Pestalozzistraße hin zur Wilmersdorfer. Der Müllwagen konnte dort nicht wenden, ein Auto stand im Weg. Als ich vorbeikam, tauchte gerade die Besitzerin auf – und wurde von besagtem Müllmann zurechtgewiesen. „Sind Se eigentlich total bescheuert, dit hier ist Halteverbot, wie bekloppt muss man eigentlich sein!“, bellte der Müllwerker, dessen Kopf mittlerweile die Farbe seines Wagens angenommen hatte. Auf die Erwiderung der bei dieser Ansprache in einen Galopp verfallenden Frau, ob er das nicht auch freundlicher sagen könne, fing der BSR-Mann erst recht an zu brüllen: „Nein, ich kann das nicht freundlicher sagen! Weil ihr alle blöd seid! Ihr alle!!“

Nur Minuten später, zwei Kreuzungen weiter, dieselbe Temperatur. Zwei Autofahrer und ein Radfahrer standen auf der Straße. Wie sie so dahin gekommen sind, weiß ich nicht genau, es hatte wohl ein irgendwie geartetes Wendemanöver gegeben, auf jeden Fall waren alle am Meckern. „Du Blödmann!“, rief der Radfahrer dem einen Autofahrer zu, der seinerseits den anderen Autofahrer als „vollkommen dämlich“ titulierte, woraufhin dieser nur „Ihr Vollidioten“ herausbrachte. Da der Radfahrer nicht über eine Hupe verfügte, gab er als Erstes nach, jedoch nicht, ohne beim Wegfahren ein „Ihr blöden Spacken“ zu schmettern.

Gegen Abend hatte ich eine weitere Begegnung mit einer Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn an der Hand über eine Ampel hetzte und, weil sie schräg rüberging, einen Schritt um den Vorderreifen meines Fahrrades machen musste. „Wenn diese dumme Frau hier nicht so blöd stehen würde, könnten wir auch über die Straße gehen“, zischte sie im Vorbeigehen, woraufhin ihr Sohn sich zu mir umdrehte und „blöde Kuh“ zischte.

Fazit nach einem schwülen Sommertag: Es gibt in dieser Stadt viele Hitzköpfe, aber der Müllmann hat immer recht.