Interview

„Für Groupies sind wir zu spät erfolgreich“

Mit ihrem Seemannsrock haben Santiano den Nerv der Zeit getroffen. Am 19. November spielt die Band in Berlin

Sie selbst bezeichnen sich gern als älteste Boygroup der Welt: Die Mitglieder von Santiano sind allesamt zwischen 40 und 60 Jahre alt und erleben gerade ihren zweiten Frühling. 2011 gegründet, haben die Männer aus dem hohen Norden mit ihren maritimen Rocksongs bereits zwei Echos gewonnen und fast zwei Millionen Platten verkauft. Mit ihrem neuen Album „Von Liebe, Tod und Freiheit“ sind sie gerade auf Platz 1 der Charts eingestiegen. Ein Gespräch über späten Ruhm, Rock ’n’ Roll light und ihre Karriere zwischen Wacken und Carmen Nebel.

Berliner Morgenpost:

Sie sind noch eine relativ junge Band. Haben Sie sich gut zusammengerauft?

Björn Both:

Das kann man so sagen.

Axel Stosberg:

An den kann man sich nicht gewöhnen.

Both:

Stimmt, an mich kann man sich nicht gewöhnen.

Stosberg:

Aber wir haben das Glück, uns über Santiano besser kennenlernen zu dürfen. Wir haben keine 30-jährige gemeinsame Vergangenheit, in der man unzählige Male zusammen gescheitert ist, Millionen an Schulden angehäuft hat und das ganze andere Gezeter. Wir sind sehr unbelastet da reingerutscht und hatten gleich einen Draht zueinander. Erfolg schweißt ja auch zusammen.

Ärgern Sie sich manchmal, dass Sie nicht schon mit 20 so erfolgreich waren?

Both:

Alles in allem ist es so ein Vorteil. Wir haben alle vorher schon Musik gemacht. Aber wenn ich mit 23 meinen Durchbruch gehabt hätte, dann wäre ich nach zwei Jahren den schlimmsten Rock-’n’-Roll-Tod gestorben, den man sich nur vorstellen kann.

Und praktizieren Sie jetzt eher Rock ’n’ Roll light oder nehmen Sie alles mit?

Andreas Fahnert:

Für Groupies sind wir 30 Jahre zu spät erfolgreich.

Stosberg:

Das echte Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll gab es doch nur in den 60er- und 70er-Jahren. Fragen Sie doch heute mal die großen Rockstars, das sind alles Vegetarier und Antialkoholiker. Das schaffen die sonst gar nicht alles.

Hinrichsen:

Das hat höchstens noch bis Anfang der 90er-Jahre funktioniert. Da konnte man seine Abstürze noch einigermaßen vertuschen. Heute hat jeder ein Handy, ist jeder Leserreporter. Da muss man sich genau überlegen, mit wem man wo entgleist. Heute hat das Rockstarleben eher einen sportiven Charakter. Gerade, wenn man auf Tour ist, muss man sich extrem fit halten. Natürlich lassen wir es auch mal krachen, meistens dann, wenn wir es nicht geplant haben. Aber wenn wir das ständig machen würden, würden wir das alles nicht packen. Das Publikum hat schließlich das Recht, eine möglichst fitte Band auf der Bühne zu sehen.

Hatten Sie sich das so vorgestellt?

Both:

Wir sind ja alle, wie gesagt, schon ein wenig länger im Geschäft und kennen die Radieschenwachserei auch von unten. Auch wenn man es noch nicht in den Musikolymp geschafft hat, ist das harte Arbeit. Es muss alles eine ausgewogene Balance haben. Party, Stille und Disziplin. Vor allem braucht es einen gewissen Fokus. Wir machen das ja nicht nur zum Spaß an der Freude. Santiano haben schließlich einen gewissen Anspruch an sich selbst.

Andere Bands fangen in Ihrem Alter an, Best-of-Alben zu veröffentlichen. Was sind Ihre Pläne für Santiano?

Stosberg:

Der aktuelle Plan ist, das dritte Album auf die Bühne zu bringen. Das soll genau so erfolgreich werden wie die beiden Vorgänger.

Both:

Es geht vor allem darum, das, wo wir jetzt angelangt sind, mit Disziplin und harter Arbeit zu erhalten. Keiner von uns würde das durch eine Laissez-Faire-Art schleifen lassen oder zum Scheitern bringen.

Peter David Sage:

Selbst wenn der Erfolg einmal nachlassen sollte, werden wir das auch überleben. Genau so, wie wir mit der Welle leben, die uns gerade mitnimmt, werden wir mit einer Flaute umgehen können. Wir fallen weich, denn wir haben ja auch noch ein Leben.

Wie gehen Ihre Familien mit dem plötzlichen Ruhm um?

Hinrichsen:

Die freuen sich natürlich für den Alten, dass er da plötzlich noch mal so einen Erfolg hat.

Both:

Vor allem, dass er mal weg ist.

Ihre Musik funktioniert auf dem Wacken-Festival genau so wie bei Carmen Nebel. Wo fühlen Sie sich mehr zu Hause?

Both:

Wacken!

Stoxberg:

Unsere Live-Auftritte gehen schon auf die 12. Das ist schon Rock ’n’ Roll, da fühlen wir uns schon wohler, das geben wir ganz offen zu, ohne die andere Seite zu verleugnen. Natürlich können wir einige Sachen bei Carmen Nebel nicht machen, die wir in Wacken machen. Aber zu unseren Konzerten kommen Punks genau so wie gut betuchte Schönheitschirurgen, und die gucken sich dann an und fragen sich: Geht das überhaupt? Und dann feiern sie trotzdem zusammen, obwohl sie völlig verschiedene Menschen sind.

Heißt das, Sie fühlen sich mit ihren Echos in der Kategorie „Volkstümliche Musik“ eigentlich ein wenig missverstanden?

Both:

Nein, unsere Musik basiert letzten Endes auf vielen traditionellen Einflüssen, daher ist es für uns absolut in Ordnung und wir freuen uns, in diese Kategorie frischen Wind zu bringen.

Stosberg:

Da ist schon viel Politik dabei, aber die Kategorien wurden auch schon sehr aufgebrochen.

Das neue Album heißt „Von Liebe, Tod und Freiheit“. Die wichtigsten Dinge im Leben?

Both:

Es sind auf jeden Fall die Dinge, von denen wir am meisten singen. Es ist die Essenz des Lebens. Und im Grunde ist es das, was wir schon seit drei Alben machen, jetzt haben wir das Kind einfach mal beim Namen genannt.