Gourmetspitzen

Grandioser Ausblick mit Durchschnittsküche

Die Gourmetspitzen: Heinz Horrmann besucht die neuen Wannseeterrassen

Ganz fraglos gibt es kaum ein zweites Restaurant in der Hauptstadt mit einem derart grandiosen, faszinierenden Blick über Palmen auf das Wasser. Wer schon einmal da war oder es als Filmkulisse gesehen hat, glaubt sich auf die Hamptons vor New York versetzt, dem Rückzugsort der Reichen auf Long Islands. In den 30er-Jahren waren die Wannseeterrassen schon mal ein beliebtes Berliner Ausflugslokal. Das Ende kam durch einen Großbrand.

Mit einer gewaltigen Investition von zehn Millionen Euro wurde die Attraktion am Wannsee wiederaufgebaut. Allerdings völlig anders als in der Vergangenheit. Roter Backstein, weiße Fensterrahmen und Türen, Landhausstil mit großer Terrasse und Biergarten. Auch die Rast auf Bierbänken mit selbst geholten Getränken mag manchen gefallen, ich aber konzentrierte mich auf das Restaurant, bei dem sich auch im Inneren die Landhausoptik fortsetzt. Holz dominiert. Tischwäsche, Wandschmuck und Blumen, alles vermittelt kultivierte Wohnlichkeit und Wärme. Wie aber ist die Küche? Was bewegt der Service?

Das Fazit vorweg: Sterne werden nicht angepeilt, das Ziel ist eindeutig gutbürgerliche Gerichte und zufriedene Gäste. Allerdings gibt es unbesehen ein paar kreative Nuancen, die ich so noch nicht genossen hatte. Die Spinatsuppe mit einem pochierten Bio-Ei, beispielsweise, und den Spargel-Erdbeer-Salat. Mit feiner Säure im Dressing passte das wunderbar zusammen. Auch die Vorspeisen waren appetitlich. Pulpo mit Zitronengras und Koriander gebeizt schmeckte köstlich und auch die Kombination von Sashimi von Thunfisch und Tuna-Tatar mit Mango-Avocado-Salat entsprach voll der Erwartung.

Wie so häufig auch in noch hochklassigeren Restaurants sackten dann die Hauptgänge deutlich ab. Das Zanderfilet zum Beelitzer Spargel war völlig geschmacksneutral und das appetitlich aussehende Lammkarree hätte man allein zum Fotografieren nutzen sollen. Das Fleisch war so zäh, dass man es kaum zerkleinern konnte. Schade.

Die Speisekarte ist bewusst klein gehalten. Etliche Angebote, die im Internet avisiert werden, so die Bauernente, gibt es nur auf vorhergehende Bestellung. Standard sind zwei Suppen. Ein paar Vorspeisen, einige Salate und eine kleine Auswahl an Hauptspeisen. Wie zur Zeit fast überall üblich, gibt es ein spezielles Spargelangebot, so lange, wie das Edelgemüse noch gestochen wird. Erwähnenswert ist, dass nach köstlichen Tests der heimische Beelitzer Spargel, der hier serviert wird, für mich die Nummer eins in deutschen Landen ist.

Freunde der süßen Nachspeise müssen sich mit Torten und Kuchen, Schwerpunkt am Nachmittag, oder einer französischen Tarte au Citron vergnügen. Insgesamt hat die Küche noch tüchtig Luft nach oben, während der Service, den wir erlebten, schon erstklassig war. Dabei hatte ich, wie stets, die Nebentische im Auge, damit ich den persönlichen Bonus ausschließen kann. Zur allgemeinen Ferienoptik bietet auch die Küche einen Hauch von Mediterranem, Pastagerichte wie Gnocchi mit Rote Bete und Erbsenkresse, auch Tagliolini in pikanter Tomatensauce mit gebratenen Scampis.

Im Aufbau begriffen ist noch die Weinkarte. Große Lagen erwartet man auch nicht unbedingt in einem derartigen Restaurant, aber es gibt auch weniger aufwendige Lagen aus bedeutenden Anbaugebieten. Nicht übersehen darf man allerdings, dass die Weine sehr kundenfreundlich kalkuliert sind. So wird das Glas Champagner aus der eiskalten Flasche mit zehn Euro berechnet und ein Petit Chablis mit 45 Euro. Der Champagner Moet Chandon steht mit 65 Euro nicht viel teurer als im Einzelhandel auf der Liste. Auf zwei Dinge sollte der Gast achten, wenn er sich entschließt, mit diesem unglaublich prachtvollen Ausblick zu speisen: Der extrem holprige Weg mit unebenem Kopfsteinpflaster zerlegt garantiert jeden hohen Absatz. Und wichtig beim Bezahlen: Hier werden im Augenblick noch keine Kreditkarten akzeptiert.

Wer das beherzigt und unkomplizierte Speisen wählt, wird sich garantiert wohlfühlen. Das ist gewiss. Da darf es dann auch einmal ein interessanter Salat sein, mit dem die Küche fraglos punktet, beispielsweise der Wannsee-Salat aus einem ganzen Kopfsalat mit Rochefort-Dressing und sautierten Tomaten oder Caesar-Salat mit gut gegartem Hähnchen. Schließlich ein Krabbensalat auf rustikalem Bauernbrot angerichtet. Wer knusprigen Speck mag, bekommt den in großer Portion, kross ausgebraten, zum Spinatsalat mit Pilzen.

Standardgerichte, die man nahezu in jedem Restaurant bekommt, stehen auch hier auf der Karte, allerdings mehr als Randnotiz. So das Wiener Schnitzel, das Steak vom amerikanischen Black-Angus-Rind und ebenso der Burger als große Portion für 9,50 Euro. Bei der Breite der gesamten Palette findet jeder irgendeine Gaumenfreude zum optischen Genuss.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost