Zwischenmenschlich

Auf ein Pale Ale zum Teufelsberg

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Ich muss Ihnen etwas gestehen: In meinen fünf Jahren in Berlin habe ich viel gesehen und war doch an etlichen Orten noch nie. Damit meine ich jetzt nicht Frohnau oder Mahlsdorf (wobei ich dort sogar schon mal für eine Geschichte war, wie mir grad einfällt), sondern echte Hotspots. Im Berghain zum Beispiel. Oder in der Markthalle Neun. Ich habe auch noch nie im Prinzenbad geplanscht oder in der O₂-World ein Konzert gehört, bin noch nicht durch den Park am Gleisdreieck gelaufen, kenne die Philharmonie und das „Borchardt“ nur von außen und war weder im Reichstag noch auf dem Teufelsberg.

Seltsamerweise wird mir gerade Letzteres immer wieder vorgehalten. Mein liebster Berlin-Freund hat neulich sogar eine kurze Führung an der ehemaligen Abhörstation mitgemacht, so eine, bei der „eine Frau schlecht gelaunt vorweg läuft und jeden anschnauzt, der nicht schnell genug hinterher kommt“.

Interessant finde ich daran, wie unterschiedlich die Berliner in verschiedenen Situationen auf ihre Stadt gucken. Während mein Freund also der Ansicht war, dass man den Teufelsberg noch ganz anders nutzen müsse, mit dem Grunewald und diesem Blick, und dass die Stadt einfach nichts aus sich mache („Immer diese Ruinen!“), argumentierte ein Freund von ihm, für diese Ruine seien sie schließlich dorthin gekommen. Seitdem gilt mein Freund als Obergentrifizierer, und wenn seine Kumpels demnächst in einer lauen Sommernacht mit einem Bier hier hoch kämen, könne er sein Luxus-Craft-Pale-Ale allein in Friedrichshain trinken gehen.

Apropos. In meinem ersten Jahr in Berlin habe ich in Friedrichshain gewohnt. Als ich dort neulich seit langer Zeit mal wieder aus war, hatte ich jedoch das Gefühl, auch dort noch nie gewesen zu sein. Oder, wie mein Freund, der angebliche Obergentrifizierer, es ausdrückte: In diesem Drecksbezirk ist nichts gewachsen, da kannste alles austauschen, die ziehen hier alle nach einem Jahr wieder weg (Seitenblick zu mir), dann schleppen die Nächsten ihre Mode an. In diesem Moment lief ein Typ an uns vorbei, der seine von Natur aus nur spärlich wachsenden Barthaare, um nicht als Nicht-Hipster aufzufallen, an den Wangen über die kahlen Stellen gekämmt hatte. Es sah absurd aus, aber uns war beiden nicht nach Lachen zumute. Höchstens nach einem Bier auf dem Teufelsberg.