Horrmanns Gourmetspitzen

Mehr als Käse bei Kusmagk

Die Gourmetspitze: Heinz Horrmann besucht das Restaurant „La Raclette“ von Moderator Peer Kusmagk

Atmosphäre, Ambiente, Gerichte und Weinliste verbreiten den Duft eines Ferientages in der Provence. Obwohl der Name des kleinen, eng bestuhlten Kreuzberger Restaurants „La Raclette“ eher einen Abend mit dem Schweizer Nationalgericht signalisiert. Denn „raclette“, aus dem Französischen übersetzt bedeutet es „abstreichen“, ist stets in Verbindung mit schmelzendem Käse zu bringen. Das Gericht gibt es gewiss auch hier. Stephan Schmitter, Chef des Berliner RTL Radio-Centers, der hier Stammgast ist und mich zum Besuch animierte, lässt den Grill mit den kleinen Kohlebacken und dem schwenkbaren Arm, an dem der duftende, zart schmelzende Käse befestigt ist, für uns aufbauen. Wunderbar, das Zusammenspiel der Aromen stimmt, und das dazu gereichte Brot ist splitterkross – wie direkt aus dem Backofen.

Das kommunikative Gericht für den ganzen Tisch ist freilich längst nicht alles, was hier an Kulinarik und Spaß geboten wird. Doch beginnen wir beim Inhaber, der fraglos besten Werbefigur für das kleine Lokal. Bei Peer Kusmagk, dem Berliner Schauspieler, RTL-Dschungelkönig und Frühstücksradiomoderator der 90er-Jahre ist es gewiss etwas anders, als bei seinen bekannten Kollegen Robert De Niro, Justin Timberlake oder Ashton Kutcher. Alle betreiben ein oder mehrere Restaurants, sie sehen es jedoch ausschließlich als Investition. Kusmagk dagegen ist leidenschaftlicher Restaurateur und Hobbykoch. Und so ist sein „La Raclette“ auch geführt. Wann immer er keine Dreharbeiten hat, empfängt Kusmagk selbst seine Gäste. Hat sein Küchenchef einen freien Tag, steht er am Herd. Als Hobbykoch macht er das richtig gut. Davon konnte ich mich schon als Juror in der Kocharena und bei „Grill den Henssler“ überzeugen, wo der Berliner einen Gang gegen einen Profikoch gewann. Jetzt erlebte ich das Wiedersehen mit dem sympathischen jungen Mann an der Lausitzer Straße im eigenen Restaurant.

Die Karte, vom Raclette klassisch und vegetarisch für je 25 Euro einmal abgesehen, ist bewusst sehr klein gehalten, ohne kreative Höhenflüge. Was mich hier vor allem fasziniert hat, ist die Atmosphäre, für die Peer Kusmagk sorgt. Man fühlt förmlich, wie er hier seinen Traum lebt und verwirklicht. Ein selbst gezimmerter Kamin, in dem auch im Sommer die Holzscheite brennen, abgeschlagene Backsteinwände, liebevoll zusammengestellte Antiquitäten und 30 Plätze an kleinen Tischen. Ein Stückchen Frankreich, gepaart mit Kiezstimmung.

Was bietet nun die Küche im kleinen „gallischen Dorf“, wie Kusmagk es nennt – und wie ist die Qualität? An kühlen Abenden ist Raclette der absolute Renner. Das duftende Käsegericht gibt es als kleine Vorspeisenportion mit Mais und Ofenkartoffeln, traditionell und – typisch für den gebürtigen Kreuzberger – als Kreuzberger Raclette mit beschwipster Birne und Hinterhofgemüse oder einem Trio von der Berliner Bulette. Ich probierte das Boeuf bourguignon, den scharf angebratenen und langsam geschmorten Französischen Bistroklassiker mit kleinen neuen Kartoffeln, und Coq au vin. Das Rindfleisch überzeugte durch herzhafte Röstaromen, es war butterzart gegart und mit einem naturbelassenen Jus ein kleiner Genuss. Das Rindfleisch stammt wie beim Steak frites, hier ein Ribeye mit frisch aufgeschlagener Bèarnaise, mal von Charolais-Rindern aus der Normandie, manchmal auch aus argentinischer Zucht. Die Qualität ist gleichbleibend gut. Das in Rotwein mit Karotten und Zwiebel geschmorte Huhn hätte ich mir allerdings saftiger gewünscht. Es war aber, das möchte ich betonen, perfekt gewürzt.

Exzellent – auch ohne Sterneambitionen – gelang bei den Vorspeisen der Ziegenkäse, bei meinem Besuch gratiniert mit Birne und Feldsalat, an anderen Tagen frittiert im Brikteig mit Lavendelhonig und Blattsalaten. Wo Frankreichs Sonne für kleines Geld so hell strahlt, gibt es naturgemäß auch Schatten. Allerdings nur bei einem meiner Besuche. Das war bei den Vorspeisen die hausgemachte Foie gras (Gänseleberterrine). Leider war das hier servierte Gericht beim Aufschneiden bröselig und am Gaumen einer Landleberwurst ähnlich. Dafür sorgte jedoch ein liebenswerter Ablauf, der mit einem Glas Winzerchampagner begann, trocken und leicht, und mit einer gelungenen Creme brûlée seinen Abschluss fand, für gute Stimmung. Am Nebentisch, wo erst Wolfsbarsch in der Salzkruste und später Mousse au Chocolat auf den Tisch kamen, waren beglückte Genusskommentare der hörbare Lohn für den Koch.

Der Service ist so persönlich wie bei einem privaten Besuch von guten Freunden. Darauf legt Peer Kusmagk besonderen Wert. Ein guter Gastgeber zu sein, macht auf Anhieb noch keinen guten Gastronomen, was er ohne Frage inzwischen ist. Schmunzelnd blickt er auf die Anfänge zurück, als er mit seinem damaligen Partner, dem Schauspieler Rhon Diels allabendlich bei einer Flasche Rotwein über ein neues Versteck für die Kasse sinnierte. Das führte dazu, dass die Kassette einmal für zwei Wochen verschollen war, weil sich partout niemand mehr an das extrem ausgefallene Versteck erinnerte. Die Weinkarte ist klein, die Weinpflege groß. Unser Sancerre war perfekt gekühlt und musste nicht erst im Eiskübel auf die richtige Temperatur gebracht werden, der St. Emilion wurde fachgerecht dekantiert. Insgesamt ein angenehmer Besuch. Da gehe ich gerne wieder hin.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost