Multitalent

„Ich bin ein unruhiger Geist“

Schauspieler Hans-Werner Meyer jongliert zwischen Kunst, Kindern und Gewerkschaft

Das Gespräch mit Hans-Werner Meyer nimmt einen anderen Beginn als geplant. Das von ihm vorgeschlagene Lokal hat noch geschlossen, also übernimmt er die Führung, dirigiert den Fotografen auf den Pfefferberg, wo er sich nach einem geeigneten Fotomotiv umschaut. An mancher Stelle blendet ihn die Sonne zu sehr, an anderer ist ihm das Licht zu hart, schlussendlich gibt er sich mit einer Wurzelbank zufrieden.

Danach wird die Redakteurin in seinen blauen Renault Kangoo verfrachtet und zum Soho House kutschiert. Endlich auf einem geblümten Sofa angekommen, entspannt er sich und gibt die (Gesprächs)-Führung wieder ab. „Ich war immer schon ein unruhiger Geist“, sagt er bei einer Tasse Cappuccino. Vielleicht liegt es an dieser Unruhe, dass der 51-Jährige so vieles mehr als nur Schauspieler ist.

„Bei unserer Familie gab es eine Art Kreativitätszwang, da gehörte es zum guten Ton, dass man bei Familienfeiern etwas für die Gäste macht“, sagt der gebürtige Hamburger. Also trat er mit seinem Bruder vor der Verwandtschaft auf. Aus der Pflicht wurde für beide eine Berufung: Chin Meyer ist heute Kabarettist, während Hans-Werner erst einmal Gesang für sich entdeckte.

Mit drei Mitschülern des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Hamburg gründete er 1983 die A-Cappella-Gruppe „Echo Echo“. Ein Jahr später erreichte ihre Single „Nur ein Clown“, ein deutschsprachiges Cover von „Only You“ der Flying Pickets, Platz 27 der Charts und gewann die „Goldene Eins“ der „ZDF Hitparade“. „Wir haben es aus einer Lockerheit heraus gemacht und waren nicht versucht, das zum Hauptberuf zu machen“, sagt er über die Leichtigkeit des überraschenden Erfolges. 1988 löst sich die Band auf.

Parallel entdeckt er sein Liebe zum Theater, tritt auf der Schulbühne auf und bewirbt sich nach dem Abitur an einer Schauspielschule – wo er scheitert. Enttäuscht gibt er den Traum von der Schauspielerei auf. „Doch dann habe ich gemerkt, dass ich das doch unbedingt machen will, und ließ mich von nichts mehr aufhalten“, sagt er. Er studiert an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, geht danach ans Residenztheater in München, wechselt später an die Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, wo er mit Regisseuren wie Luc Bondy und Leander Haußmann arbeitet.

„Berühmtsein war nicht die Triebfeder für mich. Ich wollte das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und zu spielen“, sagt er. Dennoch geht er zum Film, wo er 1992 sein Debüt in Joseph Vilsmaiers „Charlie & Louise – Das doppelte Lottchen“ gibt. Es folgen mehr als 80 Rollen, darunter in „Marlene“, „Der Baader Meinhof Komplex“ und seit 2012 spielt er Hauptkommissar Oliver Radek in der Serie „Letzte Spur Berlin“.

Doch das Spielen allein reicht dem unruhigen Geist nicht. Am 26. April präsentiert er im Berliner Konzerthaus die „Musikalischen Welten des E.T.A. Hoffmann“. Außerdem formierte sich seine A-Cappella-Gruppe unter dem Namen „Meier & die Geier“ neu. Am 28. April bietet das Quartett mit Chin Meyer unter dem Titel „Klang Razzia“ in den Hamburg Kammerspielen ein A-Cappella-Comedy-Konzert. Privat ist Meyer mit der englischen Schauspielerin Jacqueline Macaulay verheiratet und hat zwei aufgeweckte Jungen. Da seine Frau oft außerhalb der Stadt Theater spielt, ist der engagierte Vater, der mit seiner Familie in Mitte am Mauerstreifen wohnt, häufig alleinerziehend. Wie ihm der Spagat zwischen Kindern und Karriere gelingt? „Der Versuch ist zum Scheitern verurteilt“, sagt er. Man könne es nur versuchen, immer besser scheitern – und dabei ganz viel Spaß haben. Spaß, den man sogar lesen kann. Denn das Multitalent schaffte es, seine Erfahrungen aus der Elternzeit in den amüsanten Ratgeber „Durchs wilde Kindistan: Zwischen Windeln und Wahnsinn“ fließen zu lassen.

Und weil Kunst und Kinder nicht alles sind, findet der Tausendsassa auch noch Zeit für ein Ehrenamt. Seit 2006 ist er Vorstandmitglied beim Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler. „Ich will eigentlich nur spielen, aber um das tun zu können, muss ich mich engagieren“, sagt der Gewerkschafter und rät Anfängern „zu prüfen, ob sie wirklich um jeden Preis spielen wollen, und Profis, sich rechtzeitig um ihre Rente zu sorgen.“