Comedy

Verwurzelt in Kreuzkölln

Murat Topal war Polizist und verarbeitet seine Erlebnisse heute als Comedian auf der Bühne

Es war sein Zuhause, sein Kiez. In den Neuköllner Straßen um Kottbusser Damm, Schönleinstraße und Sonnenallee kennt Murat Topal jeden Stein, jede Ecke. Der Schauspieler und Comedian steht an der Kreuzung Kottbusser Damm Ecke Sanderstraße und blinzelt in die Sonne. Hier ist er groß geworden, lebte mit seinen Eltern und den zwei Schwestern in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung an der Sanderstraße, nur wenige Meter vom Kottbusser Damm entfernt.

Schräg gegenüber liegt der Hohenstaufenplatz, ein kleiner Park mit Spielplatz. „Der heißt in Neukölln wegen seiner Ziegen-Skulpturen natürlich Zickenplatz“, erklärt Murat Topal. „Hier habe ich diverse Wellensittiche begraben. Ein wichtiger Ort meiner Kindheit.“ Ihm gefällt, dass die Sträucher jetzt geschnitten wurden, alles aufgeräumter und freundlicher wirkt als früher. „Als er zwischenzeitlich so heruntergekommen war, hat der Park oft eine Klientel angelockt, die dann hier ihre Drogen konsumierte.“ In der Nähe ist Topal zur Schule gegangen. Die Theodor-Storm-Grundschule steht fast am Hermannplatz, das Ernst-Abbe-Gymnasium liegt an der Sonnenallee. Irgendwo dazwischen befindet sich sein alter Spielplatz. In der Flughafenstraße bezog er mit 18 seine erste Ein-Zimmer-Wohnung – für 250 Mark im Monat.

Der 40-Jährige hat zehn Jahre in Kreuzkölln als Polizist gearbeitet, die Bezirke von ihren unschönsten Seiten kennengelernt – und interessante Menschen, die ihm begegneten, genau studiert. Eindrücke, die in seine Programme einfließen, seit er 2004 zum ersten Mal auf der Bühne stand. „Wenn es die Situation zuließ, habe ich mir natürlich meinen Teil gedacht und mir viel gemerkt“, sagt er. „Offenbar bin ich mit vielem, was wir im Dienst erlebt haben, lustiger umgegangen – vielleicht auch, um die Situation aufzulockern. Die Kollegen sagten dann öfter ‚Topi, daraus musst du was machen.‘“

Polizei-Erlebnisse für die Bühne

Anfangs trat er bei Feiern vor Kollegen auf. Bei einem Comedy-Workshop stellte er fest, dass sein altes Berufsfeld, die Polizei, sich perfekt für Programminhalte eignete. Das ist bis heute so geblieben. Topal verarbeitet zahlreiche Diensterlebnisse. Einmal sah er während der Unruhen am 1. Mai vor seinem Elternhaus einen kleinen Mann im Pyjama, der mit Randalierern verhandelte, seinen Anhänger nicht anzuzünden. In den Straßen flogen Steine. Erst auf den zweiten Blick erkannte er in dem Mann seinen Vater. Für ihn war das eine unwirkliche und urkomische Situation. Solche Geschichten macht Topal bühnenkompatibel, schmückt sie humorvoll aus und bringt damit sein Publikum zum Lachen. Die Kunst liegt für ihn darin, vermeintlich tragische Szenen unterhaltsam zu erzählen. „Fälle mit Kindern oder wo jemand zu Tode kam, werden bei mir aber niemals den Weg auf die Bühne finden“, sagt er.

Am heutigen Mittwoch tritt er in der Ufafabrik auf. Seine Show heißt „Best of Ten“, in Anlehnung an zehn Jahre bei der Polizei und zehn Jahre als Comedian. „Bei beiden Berufen hat man sehr intensiv mit Menschen zu tun, muss sich auf sie einstellen“, sagt er. „Als Polizist weißt du nie, was dich hinter der nächsten Tür erwartet, als Comedian weißt du nicht, was für ein Publikum dich erwartet.“

Topal stellt sich auf die Mittelinsel des Kottbusser Damms, die Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln, und deutet auf einen überwucherten Zaun. An einer Stelle ist der Zaun sichtbar demoliert. „Hier mussten meine Kollegen und ich vor ungefähr 15 Jahren hinüberklettern, als wir bei der Demo am 1. Mai im Einsatz waren“, erinnert er sich. Genauso wenig vergisst er die Zeit, als er, wenige Schritte entfernt, als kleiner Junge im Innenhof seines vierstöckigen Elternhauses an der Sanderstraße immer wieder versuchte, mit dem Fußball das Dach zu erreichen. „Am Wochenende haben meine Freunde und Geschwister und ich hier den Asphalt mit Kreide bemalt, und ich habe meine Playmobil-Autos runtergeholt.“ Er zeigt auf die Fenster der kleinen Wohnung, in der er mit seiner Familie wohnte. „Trotz der Enge hat es uns an nichts gefehlt. Im Gegenteil, ich bin dankbar für die Jahre“, sagt er. Heute wohnt er mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Haus mit Garten in Britz. „Und ich sehe es als große Herausforderung, meinen Kindern beizubringen, dass nicht alles selbstverständlich ist.“ In seiner Freizeit engagiert sich Murat Topal für das Projekt „Notinsel“, das Kindern einen angstfreien Heimweg ermöglichen soll. Außerdem spricht er beim Projekt „Stopp Tokat“ zusammen mit ehemaligen Polizeikollegen mit Jugendlichen über Gewaltprävention.

Manchmal packt ihn zu Hause in Britz auch ein bisschen Heimweh, wenn er an seinen alten Kiez denkt. „Es ist vielleicht nicht mehr das Neukölln, in dem ich groß geworden bin, und viele bezeichnen die Entwicklung ja als Gentrifizierung. Aber zwischenzeitlich war hier alles etwas ghetto-like und heruntergekommen. Und ich finde, wenn hier wieder mehr Familien herziehen und sich insgesamt mehr Leben ansiedelt, ist das auf jeden Fall sehr positiv.“