Interview

„Sie ist eher die Fraktion Brennessel-Tee“

Maren Kroymann und Bernhard Schütz spielen Abgeordnete. Ein Gespräch über Politik und Parallelen

Donnerstag läuft die erste Folge von „Eichwald, MdB“ (ZDFneo, 22.45 Uhr), eine vierteilige Polit-Satire. Bernhard Schütz, 56, spielt einen Bundestagsabgeordneten, der ursprünglich Ideale hatte, jedoch von Fraktionszwang, Lobbyisten-Druck und wütenden Bürgern negativ beeinflusst worden ist. Maren Kroymann, 65, übernimmt die Rolle seiner Fraktionsvorsitzenden Birgit Hanke. Beide Schauspieler leben in Berlin. Ein Gespräch über die Parallelen zwischen Politikern und Schauspielern und gelungene Selbstdarstellung.

Berliner Morgenpost:

Ist Hajo Eichwald Ihnen sympathisch?

Bernhard Schütz:

Nein, das kann ich nicht sagen. Aber er ist kein strategischer Sadist. Er ist jemand in dem Alter, in dem Haarausfall eine Rolle spielt, hat ziemlich viele Probleme und ist ausgebrannt, glaube ich. Man kann mit ihm mitfühlen, seine Handlungen nachvollziehen, aber sympathisch ist er nicht. Dazu ist er auch zu opportunistisch.

Tut er Ihnen nicht leid?

Schütz:

Auch nicht. Aber er ist definitiv sehr einsam und er ist Alkoholiker.

Kommt hier Birgit Hanke ins Spiel?

Maren Kroymann:

Sie hat den Durchblick. Sie ist keine Alkoholikerin, sie ist aber auch keine Kokserin, sie ist eher die Fraktion Brennessel-Tee. Sie kann ihr sympathisches Äußeres mit Effektivität verbinden. Ein großer Teil ihrer Tätigkeit ist: Wie kriege ich einen Abgeordneten wie Eichwald dazu, das zu machen, was ich will? Sie kann das, was er immer versucht: eine gute Darstellung. Sie hat begriffen, dass es auf die Verwertung von Ideen eher ankommt als auf die Ideen selbst, und überlegt sich, was die Leute denken und wie etwas bei ihnen ankommt.

Offenbar das Rezept für ihren Erfolg.

Kroymann:

Natürlich. Ich glaube, dass Politiker oft sehr intelligent sind – was wir ihnen vielleicht gar nicht zutrauen würden. Ob sie aber erfolgreich sind, hängt in erster Linie von ihrer Verwertungsbegabung ab. Ein Wort, das man viel öfter benutzen sollte, finde ich. Es bedeutet eine optimale Grundlage für Karrieren in der Politik. Das trifft übrigens auch auf Schauspieler zu. Manche haben trotz überschaubaren Talents großen Erfolg, weil sie es irrsinnig gut hinkriegen, total präsent zu sein.

Schütz:

Das ist ja auch eine moderne Forderung: Ein Politiker muss gut drauf sein, er muss rhetorisch bestehen können, auch in Talkshows. Sie werden beraten, wie sie lächeln und lachen sollen. Im Grunde eine Konkurrenz für uns Schauspieler, weil sie uns mit ihrer Darstellung die Sendeplätze wegnehmen.

Wer kann das besonders gut?

Kroymann:

Unsere Berufe haben auf jeden Fall Schnittmengen, was die Selbstdarstellung betrifft. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann zum Beispiel ist sicher auch wegen seiner Physis so weit gekommen, weil er so treuherzig wirkt – das ist ein Pfund. Und dann kommt das mit Sebastian Edathyheraus, wo er vielleicht drin verstrickt ist. Viele haben ihm das gar nicht zugetraut und möchten es auch nicht. Man möchte in der Politik ja immer jemanden haben, von dem man glaubt, der ist echt nett. Auch Durchschnittlichkeit ist ein Pfund. Lothar Bisky von den Linken war doch immer so beliebt, weil er immer so genuschelt hat, weil er einfach nicht so gut reden konnte.

Sie sind Kabarettistin, Frau Kroymann. Liegt Ihnen die Polit-Satire?

Kroymann:

Ja, sehr. Ich mag gerne die Überspitzungen. Wobei Kabarett ja ein Sketch ist, in dem es um den Dialog, um Pointen und um ein Thema geht. In der Serie geht es ja eher um die Charaktere und den Plot. Das macht mir eigentlich mehr Spaß zu spielen, weil es feiner ist. Schon beim Lesen des Drehbuches dachte ich: Das ist verdammt nah an der Realität. Man muss aber als Zuschauer sehr genau aufpassen: Was ist überzeichnet und was ist real? Beides, Kabarett und die Politsatire-Serie, eröffnen einen Aspekt von Wahrheit.

Schütz:

Mit der Realität kann man aber nicht konkurrieren. Es gibt die verrücktesten PR-Ideen in echt. Zum Beispiel: Wie kommt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bei dieser Ice-Bucket-Aktion ins Eisbärenkostüm? Wenn wir das in einer Geschichte im Fernsehen abbilden, dann finden es die Zuschauer langweilig. Die Serie reflektiert indirekt darüber, was wir eigentlich für Politiker wollen.

Verfolgen Sie die Berliner Landespolitik?

Schütz:

So gut ich kann. Ich finde, Kommunalpolitik ist sowieso die beste Politik, einfach ganz konkret. Oft geht sie über Parteigrenzen hinweg. Meine Mutter war Kommunalpolitikerin in Leverkusen, wo ich herkomme. Ich habe also hautnah erlebt, wie es in diesen Kreisen zu geht und was diese Arbeit bedeutet.

Könnte die Serie nicht die Politikverdrossenheit im Land verstärken?

Schütz:

Nein, das ist ja erst mal nur Entertainment. Natürlich kann man Hajo Eichwald als eine Art Looser sehen, als jemanden, der nichts hinkriegt, stellvertretend für alle Politiker. Aber manchmal kriegt er doch etwas hin. Er hat auch seine Qualitäten, obwohl es nicht so aussieht.

Kroymann:

Ob Minderheiten oder Gruppen in der Mitte der Gesellschaft: Ich finde, jede Gruppe muss sich selbst verarschen. Das würde der Hirnhygiene einer ganzen Gesellschaft sehr gut tun.