Wandel

Vom Mischpult zum Manager

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Vier erfolgreiche Berliner DJs haben das Klubleben hinter sich gelassen. Ein Besuch bei Maître, Direktor und Koch

Joanis Hügel, Inhaber „Ruby’s“ an der Skalitzer Straße in Kreuzberg

„Irgendwann war es keine Herausforderung mehr“, sagt Joanis Hügel, genannt Janni. Der 43-Jährige war einst als DJ Apollo in der Drum’n’Bass-Szene berühmt und legte lange Zeit als Resident-DJ im „Icon“ und „Watergate“ auf. „Mit der technischen Neuerung kann doch heutzutage jeder DJ sein“, sagt er. Er eröffnete Ende 2012 das „Ruby’s“ an der Skalitzer Straße und mischt jetzt lieber verschiedene Zutaten und Drinks statt Songs. „Früher bescherte ich den Leuten mit Musik einen schönen Abend, heute mache ich das mit Pizza und Pasta.“ Das italienische Restaurant am Schlesischen Tor hat sich zum Szene-Treffpunkt entwickelt, obwohl Janni kaum Erfahrung in der Gastronomie hatte. Er lerne immer noch dazu, sagt er. Seine Gäste beschreiben ihn jedoch als den geborenen Gastgeber, der den Speisenden mit Leichtigkeit und Lässigkeit begegnet. Vielleicht komme da sein griechisches Naturell zum Vorschein, witzelt der Halb-Grieche. „Es gibt mir die gleiche positive Energie, wenn sich jemand für den schönen Abend bei mir bedankt, wie früher, wenn jemand vor dem DJ-Pult stand und von meinem tollen Set schwärmte.“

Dirk Dreyer, Direktor des „Hotel Indigo“ am Alexanderplatz in Mitte

Wenn man Hoteldirektor Dirk Dreyer in seinem grauen Anzug und mit akkuratem Haarschnitt trifft, ahnt man nichts von seiner Vergangenheit. Der 41-Jährige leitet seit 2012 das „Hotel Indigo“ am Alexanderplatz, früher arbeitete er für Plattenfirmen und legte als DJ regelmäßig im „Sage Club“ und im Frankfurter „Cocoon“ Platten auf. „Ich verreiste vier Tage in der Woche, das wurde irgendwann vom Privileg zum Heimwehfaktor“, erzählt er. Daher wollte er nach der Geburt seiner Tochter einen neuen Beruf finden. Als er 2009 die Möglichkeit bekam, im Boutiquehotel „Lux 11“ in die Hotellerie einzusteigen, sagte er sofort zu. Sein Vorteil war sein Adressbuch. Schließlich ist Dirk Dreyer noch gut bekannt mit der Kreativbranche und Musiker, DJs und Künstler übernachten durch ihn in dem Haus in Mitte. Kürzlich beherbergte er im „Indigo“ die Künstler nach der Echo-Verleihung, genauso wie vom „Maxrave“ und regelmäßig Gäste der Klubs „Gretchen“ und „Weekend“. „Ich bin gerne der Herbergsvater von Berlin“, sagt er. Sein altes Leben vermisse er nicht. „Inzwischen steigen viele DJ-Freunde wie Tom Novy oder auch alte Helden wie Goldie bei uns ab, und dann treffe ich sie einfach in meinem Haus.“

DJ Clé, Maître im „Pantry“ an der Friedrichstraße in Mitte

Clé Kahlcke ist vielen Fans von elektronischer Musik als die eine Hälfte des Künstler-Duos Märtini Brös bekannt. Zwei Jahrzehnte als Vielflieger wurden dem DJ jedoch zur Last und Kahlcke brauchte eine Auszeit. „Ich hatte ein Burnout und keine Lust mehr zu fliegen oder aufzulegen“, erzählt er. 2009 kehrte der 47-Jährige in seinen erlernten Beruf zurück. Er hatte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Restaurantfachmann im „Savoy“-Hotel an der Fasanenstraße absolviert. Eigentlich sei er damals schon ins Nachtleben abgedriftet, erzählt Kahlcker. In den folgenden 20 Jahren wurde er zum Techno-Star, legte in allen wichtigen Klubs der Welt auf – und schuf die Basis für seine zweite Karriere. „Man geht als DJ immer vor dem Gig essen – in meinem Fall international. So sammelt man über die Jahre sehr viel Erfahrung mit guter Küche.“ Sein Wissen machte sich nach dem Burnout die „Lux“-Bar zunutze, 2012 wechselte er ins „Pantry“ an die Friedrichstraße. Dort ist er Maître und Wohlfühlfaktor. „Ein guter Gastronom muss den Vibe im Lokal lesen“, erklärt Kahlcke, der inzwischen bei der „Yellow Lounge“ Klassik-Musik auflegt. Er findet, ein erhobener Zeigefinger sei nie angebracht, weder bei Plattenwünschen noch beim gewünschten Rotwein zum Fisch, erklärt er. Lieber helfe er den Menschen am Abend, glücklich zu werden – mal musisch, mal kulinarisch.

Paul Mogg, Mitinhaber und Koch vom „Mogg & Melzer“ an der Auguststraße in Mitte

Die Macher des Delis „Mogg & Melzer“ kennen sich schon lange. Oskar Melzer war früher DJ und Mitinhaber des „Weekend“, während der Brite Paul Mogg im Künstlerduo Psychonauts Karriere machte. „Als DJ lernt mal viele Esskulturen kennen, da man in die tollsten Restaurant ausgeführt wird“, sagt der 42-Jährige. Das hätte seinen Gaumen so sehr geprägt, dass er anfänglich für Freunde kochte, später im „Grill Royal“. Dort unterhielt er sich eines Abends mit Oskar Melzer über Pastrami, fein gepökeltes Rindfleisch, und eröffnet nur sechs Monate später mit ihm das „Mogg & Melzer“. „Ich war damals sehr naiv, dachte, dass ich nun den ganzen Tag esse, trinke und plaudere“, gesteht Mogg lachend. Doch das Deli ist mehr als ein Fulltime-Job, sodass sich die Nachteule zum Frühaufsteher entwickelt hat. Das Musikmachen fehle ihm nicht, denn „Essen ist so unmittelbar“, schwärmt er. Man koche und sehe das Ergebnis. Anders als beim Musikmachen, da arbeite man ein Jahr an einem Album, und dann erscheine es vielleicht nicht einmal, sagt der Brite. Eine Verbindung zwischen dem Auflegen und der Gastronomie sieht er spontan nicht. Dann denkt er kurz nach und ergänzt: „Außer vielleicht, dass beides happy macht.“