Stilfrage

Aktivkohle für Nahrungsjünger

Cordula Schmitz über modische Gründe und Sünde

Es gibt ja auch bei der Nahrung modische Trends. Der Körper ist ein Tempel – und deshalb muss man ihn gut pflegen. Oft führt das zu seltsamen Entwicklungen. Als ich nach Berlin zog, gab es in Mitte weit und breit keine einzige Bäckerei. Nur Getränkehandel mit Fahrradverleih, die zufällig auch Brötchen verkauften. Das ist schon lange vorbei, anstelle der Multi-Läden sind längst echte Bäckereien getreten. Also, zumindest das, was viele in ihrer romantischen Vorstellung von Brot, Mehl und Kuchen dafür halten. An für sich ist das ja auch eine schöne Sache, aber bei den Preisen fragt man sich unwillkürlich, ob Gold im Teig verrührt wurde oder ob das Ganze eine Art Concept Store von Karl Lagerfeld für Brot sein soll, so edel eingerichtet sind diese Geschäfte.

Der ganze Fress-Hype kommt aus den USA, was ein Witz an sich ist. Dort feiert man schon seit längerem den „Kale“, ein sagenumwobenes Wundersuperfood bei dem es sich, wie ich entsetzt feststellen musste, um einfachen Grünkohl handelt. Besonders gerne haut man den Grünkohl mit Kohlrabiblättern, Petersilie, Spinat, Apfel und Omega-3-Fischöl in die sogenannten Smoothies. Die sollen wundersame Wirkung haben: Haut besser, Glow (Strahlen) größer, Leben erfolgreicher. Ha, werden Sie jetzt sagen, dass kenn’ ich doch schon längst. Ja, man hat sich daran gewöhnt, schmeckt auch gar nicht so schlecht, wie es sich anhört und mittlerweile bekommt man die Säfte auch in jedem Bahnhofscafé einer mittelgroßen Kreisstadt. Keine Sorge, es gibt etwas Neues: Wer in der Saftszene etwas auf sich hält, greift nicht mehr zu grünen, sondern zum schwarzen Saft. Aktivkohle heißt das neue Wundermittel der Nahrungsjünger. Normalerweise gibt man Kindern bei Vergiftungen einen Becher mit verflüssigter Aktivkohle, die die Eigenschaft besitzt, giftige Stoffe zu absorbieren. Warum soll sie nicht auch Erwachsenen helfen, sich von giftigen Schlacken, Umweltstoffen, all dem Bösen, das den Tempel verschmutzt, zu befreien? Eine wunderbare Idee. Darauf werde ich jetzt erst mal ein glutenhaltiges Aufbackbrötchen mit ganz viel Butter und Laktosekäse und unvegane Salami essen. Und einen Becher Aktivkohle trinken, natürlich aus biologisch angebauten Bäumen. Das Leben kann so einfach sein.