Fernsehen

„Heike ist eine Kämpferin“

In „Blauwasserleben“ spielt Stefanie Stappenbeck Heike Dorsch. Deren Freund wurde während einer gemeinsamen Weltumseglung getötet

Am 9. Oktober 2011 verändert sich das Leben von Heike Dorsch für immer. An diesem Tag wird ihr Lebensgefährte Stefan Ramin auf der Pazifikinsel Nuku Hiva von einem einheimischen Jäger getötet, zerstückelt und verbrannt. Sie selbst wird später von dem Mann bedroht, kann jedoch fliehen. Stefanie Stappenbeck erfährt vom Schicksal des Paares, das drei Jahre zuvor mit einem Katamaran zu einer Weltreise aufgebrochen war, wie die meisten anderen Menschen aus den Medien. Abgeschreckt von der Geschichte, die zunächst als „Kannibalenmord“ Schlagzeilen machte, interessiert sie sich nicht weiter für die Details – bis ihr drei Jahre später die Hauptrolle in dem ZDF-Film „Blauwasserleben“ (Sonntag, 22.15 Uhr) angeboten wird. Heike Dorsch hatte ihre Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben. „Für mich war gleich klar, dass ich das machen will“, sagt Stefanie Stappenbeck.

Gedreht wurde im August und September 2014 in Hamburg und auf Hawaii. Heike Dorsch war als Beraterin mit am Set. Ein halbes Jahr später sitzt Stefanie Stappenbeck im Café „Zuckerfee“ in Prenzlauer Berg und erinnert sich an das erste Treffen mit der Frau, der sie im Film ihr Gesicht leiht. Die Schauspielerin ist erkältet, das Interview will sie dennoch führen. Sie sei besonders stolz auf das Ergebnis ihrer Arbeit. „Ich habe das Gefühl, ich habe wirklich alles gegeben“, sagt sie. Mit Heike Dorsch steht sie bis heute in Kontakt. Sie hofft, dass das so bleibt. Auch über die Zeit der Promotion für das gemeinsame Projekt hinaus.

„Das Tolle an Heike, und das merke ich um so mehr, je besser ich sie kennenlerne, ist, dass sie kein Opfer ist, sondern eine Kämpferin. Wie sie damit umgeht, ist so stark, das finde ich sehr inspirierend“, so Stefanie Stappenbeck. Bei der Bewältigung ihres Traumas habe Heike Dorsch nicht nur eine Psychologin, sondern auch die Arbeit an dem Buch und dem Film geholfen, glaubt sie. „Ich denke, es hilft, darüber zu sprechen. Das sieht man ja auch im Märchen ‚Rumpelstilzchen‘. Sobald man den Namen des Bösewichts ausspricht, löst er sich in Luft auf“, sagt die Berlinerin. „Ich glaube, das hilft alles ungemein. Man geht Schicht für Schicht da durch.“

Die Herangehensweise von Heike Dorsch könne sie nicht nur verstehen, sie habe sogar von ihr gelernt. „Ich bin vor ein paar Wochen mit meiner Familie in einem sehr kleinen Flugzeug nach Amsterdam geflogen“, erzählt sie. Als die Maschine wegen eines Sturmes in beängstigende Turbulenzen geriet, habe sie sich an deren Fähigkeit, Frieden mit ihrem Schicksal zu schließen, erinnert. „Ich habe meinen Mann und mein Kind angeschaut, und plötzlich dachte ich, ich habe ein total schönes Leben gehabt. Ich werde also nicht die letzten Sekunden mit Angst und Panik verschwenden“, sagt Stefanie Stappenbeck. „Ich glaube, durch die Begegnung mit Heike habe ich eine Lebenslektion gelernt.“ Ebenso wie die Geburt ihrer Tochter vor knapp einem Jahr. Plötzlich mache sie sich „Gedanken über ganz neue Dinge“, erzählt die Schauspielerin. „Das fängt bei Kleinigkeiten an. Jetzt im Frühjahr merke ich, wie gerne ich die Fenster aufreiße. Aber jetzt habe ich die schlimmsten Albträume, weil Kinder überall hinklettern und rausfallen können.“ Dass ihr etwas Ähnliches wie Heike Dorsch zustoßen könnte, darüber möchte Stefanie Stappenbeck ungern nachdenken. „Ich finde, das sollte man nicht beschreien, weil man es sonst anzieht. Das ist meine Angst. Deshalb will ich darüber nicht nachdenken und es sogar in Worte fassen, weil ich Angst habe, dass es sonst Wirklichkeit wird“, sagt sie. Die Rolle der Weltumseglerin habe sie noch lange nach den Dreharbeiten beschäftigt, so die 40-Jährige. Aber auch sonst sei sie keine Schauspielerin, die eine Figur nach Drehschluss in der Maske zurücklasse. „Jede Rolle verwandelt einen. Genau so, wie eine Lebenserfahrung einen verändert“, sagt sie. Ihr selbst falle das oft erst viel später auf als ihren Mitmenschen. „Als ich damals den ‚Polizeiruf‘ gedreht habe, in dem ich eine Soldatin gespielt habe, sagt mein Freund Lars zu mir am Telefon: Steffi, wie du mit mir sprichst, das ist echt lustig. Du gibst mir so ganz klare, knappe Antworten. Und ich dachte, ich spreche doch wie immer“, erinnert sie sich. „Nach den Dreharbeiten habe ich dann auch gemerkt, wie ich wieder auf meinen Plauder-Steffi-Ton umgestellt habe.“ Den Plauderton behält Stefanie Stappenbeck auch im Interview. Was vielleicht daran liegt, dass sich die gebürtige Potsdamerin gerade eine Auszeit gönnt, bevor sie sich wieder neuen Projekten und Rollen widmet. Endlich habe sie Zeit, um einmal richtig aufzuräumen und sich ihrer Familie zu widmen – das will sie auch nach diesem Gespräch. Zurück zu ihrer Tochter.