Horrmanns Gourmetspitzen

Heißes Design zu kalter Küche

Die Gourmetspitze: Heinz Horrmann besucht zum ersten Mal das Restaurant „Grace“ im „Hotel Zoo“ am Kurfürstendamm

Die Erfahrung hat gezeigt, dass nur ganz selten ein Restaurant ohne jeden Tadel perfekt ist – oder umgekehrt durchgängig schlecht, ganz ohne Lichtblicke. Dass aber die Schere im Ergebnis der Bewertungskriterien so weit geöffnet ist, die Beurteilungen so extrem auseinander gehen, wie im vor wenigen Wochen eröffneten Restaurant „Grace“ im „Hotel Zoo“ (wegen der internationalen Namensgebung verzichtet man auf das „am Zoo“), habe ich noch nie erlebt.

Das Design ist grandios. Man betritt das Haus, ist fasziniert, geht durch die belebte Bar ins große Restaurant, das eine wunderbare Atmosphäre bietet und mit exzellenter Tischwäsche Appetit macht. Auch der Service ist angenehm, die herzliche Begrüßung, die Ansprache, alles sehr positiv. Doch dann kommt der erste Einbruch, der Chassagne Montrachet, ein herrlich frischer, junger weißer Burgunder kommt viel zu warm, wird zwar vom aufmerksamen Kellner gleich in Eis gepackt, doch das erste Glas ist für die Katz.

Das Brot ist okay, jedoch die drei Fingerhut großen Butterhäufchen sind ein Witz. Und einen Amuse Bouche, der Gruß aus der Küche, der in jedem anderen deutschen Restaurant dieser Preisklasse selbstverständlich ist, gibt es nicht. Dann geht es Schlag auf Schlag ganz bitter weiter. Alles, was aus der Küche kommt, sind, was Garzeiten oder Zusammenspiel der Aromen betrifft, nichts als Flops.

Ich liebe beispielsweise den Papaya-Salat von grüner Papaya mit gesunder Schärfe, hier war er mit einem Hähnchenbrüstchen kombiniert, aber von absoluter Geschmacksneutralität. Sie kennen gewiss gratinierte Austern oder die flambierten. Diese vier von mir bestellten kamen mit ein wenig Kräuterbutter aus dem sogenannten „Grace“-Ofen und lagen wie Schlaffis auf der Schale. Von den laut Speisekarte knusprigen Pecorino-Streifen gab es keine Spur. Am Nebentisch fluchten Gäste über das viel zu feste Filet, angeblich US Prime Beef, mit frittiertem Spinat. Den Unmut kann ich angesichts des Preises von 49 Euro für 260 Gramm absolut verstehen.

Bei uns ging die Speisefolge mit dem Fischgang Black Cod, beliebt wegen seines festen weißen Fleisches, weiter. Er war die nächste Enttäuschung. Das Fenchelgemüse, scharf angebraten, war in Ordnung, der Fisch jedoch handwerklich total missraten. Viel zu lange totgegart und ohne Aromen, ganz wie ein Biss in Löschpapier. Ein weiterer Negativ-Hit war dann der halbe gegrillte Hummer mit asiatischen Udon Nudeln. Das Krustentierchen war winzig und ebenfalls derart übergart, dass er wie ein Fruchtgummi in der Krustenschale lag. Und der Höhepunkt: Der Gang kam so kalt, wie ich mir den Weißwein von Anfang an gewünscht hätte. So lange sie leben, fühlen sich die Hummer gewiss in besonders kaltem Wasser wohl, aber warum müssen sie das hier, auf dem Teller des Gastes, sein?

Die Beilagen, die es zu den Gerichten gibt, sind durchaus interessant, werden jedoch extra berechnet. Wie die gebratene Pilzmischung mit 6,50 Euro, die Süßkartoffel-Pommes-Frites, der frittierte Spinat, der gebratene Reis oder Panko-Kroketten.

Nach all dem Erlebten konnten wir über das Dessert nur schmunzeln. New York Cheesecake stand auf der Karte – und den haben wir bestellt. Die Begleitmusik mit fruchtigem Himbeersorbet, der Schokoladenhippe und dem Vanille-Biskuit war in Ordnung, aber das kleine Klötzchen Buttercremetorte hatte mit dem Produkt, das ursprünglich einmal aus der Cheesecake-Factory kam, nichts, aber auch gar nichts zu tun. Zwei Optionen gibt es noch für den süßen Abschluss, auf die wir angesichts der Erfahrungen dann verzichtet haben: eine Mango-Litschi-Crème-brûlée oder dunkler Schokoladen-Espuma mit weißem Mousse im Mäntelchen von Vollmilch-Brownie.

Nun sagte ich bereits, nichts ist absolut perfekt oder durchgängig schlecht. Bei einer kleinen Vorstandskonferenz zu einem anderen Zeitpunkt im „Grace“ zeigte man sich zufrieden mit dem Beef Tartare, das mit knusprig ausgebackenen Kapern, mit fein gehackten Schalotten, Wachtelei und geröstetem Brot serviert wird. Doch auch hier war der Fallstrick ausgelegt. Es gab nicht einmal 100 Gramm Fleisch, es waren 80, und die standen mit 24 Euro auf der Rechnung. Unverhältnismäßig.

Im „Grace“ wird auch an Vegetarier gedacht, allerdings nur mit zwei Kleinigkeiten. Einmal Couscous mit getrockneten Aprikosen, Goji-Beeren und gerösteten Pistazien in einer leichten Tomatenbrühe und eine Artischocken-Variation, knusprig gebacken mit Avocado-Wasabi-Püree und pochierten Morcheln. Scheint kein Renner zu sein. Die Weinkarte ist recht international aufgebaut und hat neben kleinen und mittleren Lagen auch etliche Spitzenprodukte auf der Liste. Die Preise sind durchaus verträglich, der von mir gewählte Chassagne Montrachet beispielsweise kostete nicht einmal das Doppelte vom Einkaufspreis.

Den angenehmen Service habe ich herausgestellt. Das gilt auch für die Bar, die zum Abschluss-Drink einlädt. Auch hier ist das Ambiente ungewöhnlich und aufregend, eine interessantere Bar gibt es wohl kaum in der Hauptstadt.

Heinz Horrmann schreibt jeden Sonntag für die Berliner Morgenpost