Interview

„Im Herzen bin ich ein Stadtkind“

Jürgen von der Lippe lebt heute in Friedenau. Seine wilde Zeit hatte er in Charlottenburg

Auf Jürgen von der Lippe ist Verlass. Der 66-Jährige tourt seit 40 Jahren mit Musik und Comedy durchs Land und liefert mit seinem neuen Programm „Wie soll ich sagen..?“ (17. Februar bis 8. März, Universität der Künste) wieder Gags und Pointen. Sein Buch „Beim Dehnen singe ich Balladen“ belegt aktuell Platz drei auf der Bestseller-Liste. Ein Gespräch über wilde Zeiten in Berliner Kneipen, die Wichtigkeit des Lesen und die Entstehung seiner Texte.

Berliner Morgenpost:

Sie sind in Ostwestfalen geboren, aufgewachsen in Aachen. Aber Sie haben auch wilde Jahre im Berlin der 60er- und 70er-Jahre hinter sich. Welche Orte haben hier eine große Rolle für Sie gespielt?

Jürgen von der Lippe:

Mein Bermuda-Dreieck lag zwischen dem „Go-In“ in der Bleibtreustraße, dem „Steve-Club“ in der Krumme Straße und dem „Folk-Pub“ in der Leibnizstraße. Dort bin ich wie viele andere Künstler aufgetreten. Auf einen Absacker zogen wir oft ins „Union Jack“ in der Schlüterstraße. Die Wirtin, genannt Snake, gibt es heute noch, die vielen Whiskeysorten auch. Für neun D-Mark bekam man damals sechs verschiedene Whiskeys. Für mich als Landei aus Aachen war hier zunächst alles aufregend. Das fing damit an, dass ich in einer WG wohnte, unter anderem einmal in der Herderstraße im Keller. Heute gehe ich gerne ins „Rickenbackers“ in der Bundesallee, wo jeden Abend Livemusik ist.

In Ihrem neuen Programm „Wie soll ich sagen..?“ gehen Sie mit Humor auf Ausdrucksweisen im Alltag ein. Woher kommt dieses Faible für Sprache?

Ich habe das in die Wiege gelegt bekommen. Meine Mutter erzählte, dass ich, als ich mit vier Jahren im Krankenhaus war, vor den anderen Kindern auf der Station so tat, als könne ich lesen und ich einfach nacherzählte, was meine Mutter mir vorgelesen hatte – bis die Kinder merkten, dass ich das Buch falsch herum hielt. Auch als Ministrant habe ich immer vorgelesen. Ich war auch in der Schule das Kind, das in der letzten Stunde vor den Ferien immer vorlas. Ich habe die Karl-May-Bücher geliebt, bei „Prinz Eisenherz“ oder „Tom Sawyer“ mitgefiebert und bei „Onkel Toms Hütte“ geweint.

Was wollten Sie damals werden?

Eigentlich Journalist, deshalb habe ich in Aachen an der Technischen Hochschule und in Berlin an der Technischen Universität auch Germanistik mit Linguistik studiert. Die Mittelhochdeutsch-Seminare haben mir das Lesen dann aber beinahe verleidet. Das hat mich überhaupt nicht interessiert.

Mit Ihrem Buch „Beim Dehnen singe ich Balladen“ sind Sie gerade auf Tour …

Lesereisen machen mir großen Spaß. Das sind dann in der Regel um die 600 Zuhörer, das ist eine gute Größe. Ich denke, irgendwann werde ich nur noch Lesereisen machen. Bei den Musik- und Comedy-Programmen sind die Zuschauerzahlen ja wesentlich größer. Das ist auch toll, aber es kostet enorm viel Kraft, einen großen Saal zweieinhalb Stunden lang zu begeistern. Ich toure seit 40 Jahren. Bei Lesungen kann ich wenigstens nichts vergessen, weil ich ja alles ablese.

Was fließt alles in Ihre Texte mit ein?

In meinem Buch gibt es zwei Sorten Texte: die fiktionalen und die Glossen, die ein Thema humoristisch beleuchten. Ich beobachte natürlich die Menschen in meiner Umgebung. Die Antennen sind immer ausgefahren, alles wird auf seine eventuelle Verwertbarkeit hin abgeklopft. Handbücher des unnützen Wissens sind auch immer gute Quellen. Und mein Arbeitszimmer ist fast nicht mehr zu betreten vor lauter Containern voll mit ausgerissenen, schrägen Zeitungsartikeln, von denen ich denke: Das ist etwas, das darauf wartet, verwurstet zu werden.

Sie leben in Friedenau, Ihre Lebensgefährtin in Kladow. Funktioniert Ihre Beziehung deshalb besonders gut?

Auf jeden Fall. Natürlich muss man sich zwei Wohnorte auch leisten können. Aber es ist so viel wert, wenn jeder seinen Freiraum hat. Ich denke, Paare, die immer zusammen sind, reden sich das schön. Jeder Psychologe bestätigt heute, dass man seinen Rückzugsort braucht, also zumindest getrennte Schlafzimmer. Ich habe immer alleine gelebt und brauche meine Freiräume zum Schreiben. Meine Lebensgefährtin und ich gehen nun ins 35. gemeinsame Jahr. Ich bin unglaublich gerne in Kladow, das ist ein wunderbarer Ort zwischen Wasser und Wald. Aber nur auf Besuch, im Herzen bin ein Stadtkind.