Berlinale

Die Erschöpfung lauert überall

Formabfall nach wenigen Tagen: Die Berlinale-Besucher schleichen um den Potsdamer Platz

Der Glamour verschwindet, die Berlinale neigt sich schon wieder dem Ende zu. Die großen Geschäfte wurden gleich zu Beginn gemacht, die Verleiher und Produzenten reisen ab. An der Garagenausfahrt des „Hyatt Hotels“ lehnen verlassen die Leitern für die Fotografen, auch die Autogrammjäger haben genug gesehen, da steht sich jetzt niemand mehr die Beine in den Bauch. Das macht man draußen am Stehtisch von „Lutter & Wegner“, wo mittags die ersten schon den Weißwein süffeln, man ist angekommen an dem Punkt, an dem man sagt: Ist alles nicht mehr so wichtig.

Gegenüber dem Feinkostgeschäft Lindner herrscht derweil Sprachverwirrung. Englisch, Spanisch, Französisch, die Verkäuferinnen machen große Augen und schmieren Brötchen im Akkord. Auf der Straße steht der Ü-Wagen von Radio Eins und daneben ein Sozialbus, für all die anderen, die weder Interviews machen noch geben, während die roten Berlinale-Flaggen und die von L’Oréal im Nieselregen flattern. Bei „Maredo“ spannen sie die Schirme auf und starten die Heizpilze. Die Kameraleute bekommen erste Haltungsschäden, sie stehen immer krummer an den Straßenecken. An ihnen tänzeln Mädchen vorbei, die in Scharen shoppen gehen und denen alles andere ganz egal ist. Sie sind die einzigen, die hier frisch aussehen.

In den Potsdamer Platz Arkaden ist es warm und ruhig, beim Herrenausstatter besorgen sich die letzten Journalisten frische Hemden. Das hat Tradition, zum Waschen kommt ja doch keiner. Die Schlange vorm Ticketcounter wird täglich kürzer, die am Souvenirstand dafür länger. Man könnte seinen halben Hausstand mit der Berlinale ausstatten. Schirme, Pullover, Lätzchen, Reflektorbänder, Gewürzmühlen. Ganz neu ist in diesem Jahr der Berlinale-Badeschwamm, den man gut verschenken könnte an Menschen, die sich im Kino neben einen quetschen und insgesamt einen etwas pikanten Eindruck machen. Die diesjährigen Taschen aus Jute hingegen sind so hässlich, dass die meisten sie gleich am Schalter liegen gelassen haben und jetzt die Taschen aus den vorherigen Jahren tragen. Als Berlinale-Stammgast ist das verwirrend, zu viele Jahre auf einmal, die hier vorbeilaufen. Die gesamte Kollektion der letzten zehn Jahre wird heute präsentiert.

Vor dem Einkaufszentrum steht der Street Food Market, der war letztes Jahr neu und wie alles Neue ein Ereignis, doch dieses Jahr kümmert er vor sich hin. Es gibt dort Käsespätzle und Burger, alles Bio natürlich. Internationale Köstlichkeiten nennt es die Berlinale, und das in Slow-Food-Qualität. Was heißt: Dauert lang und kostet viel. Vielleicht geht dieses Konzept am typischen Festivalteilnehmer einfach vorbei.

Das Fast-Food-Restaurant an der Ecke quillt nämlich über, da trifft sich die halbe Welt, und direkt nebenan eine Schlange, wie sie bei der Berlinale kaum je zu sehen ist. Hunderte stehen auf dem Gehweg, und sofort beschleicht einen wieder das Gefühl, das Wichtigste zu verpassen. Doch die wollen alle ins Bluemax Theater, und etwas irritiert stellt man fest, gar nicht gewusst zu haben, dass die Blue Man Group hier immer noch fast jeden Tag auftritt, die sind zeitlos, ganz egal, was um sie herum passiert.

Wie eh und je reihen sich in der Straße die Filmplakate aneinander und die Limousinen auch. Limousinen, das wird hier deutlich, haben die Angewohnheit, kaum zu fahren. Die bewegen sich aus der Tiefgarage vom „Hyatt Hotel“ zehn Meter bis zum roten Teppich und wieder zurück. Ein aufregender Job kann das nicht sein.

Vor allen Kinos, vor allen Ausgängen wird geraucht, und überall lauert die Erschöpfung. Daran erkennt man den Fachbesucher von Weitem, ein eklatanter Formabfall innerhalb weniger Tage. Waren zu Beginn der Berlinale noch alle am Hetzen, am Rufen, Lachen und Schimpfen, schleichen sie jetzt stumm über den Potsdamer Platz, die Gesichter blass, die Augenschatten tief. Sonnenbrillen verdecken die schlimmsten Schäden und werden nur im dunklen Kinosaal abgenommen. Da dämmert man vor sich hin und lässt sich vom Berlinale-Trailer aus den Träumen reißen. Essen würde helfen, doch essen darf man im Berlinale Palast nicht, und man fragt sich, was das jetzt wieder soll. In jedem Kino darf man essen, die Kinos leben von der Verköstigung des Publikums. Aber es geht um den Teppich, der darf nicht dreckig werden. Der Teppich ist wichtig. Vielleicht ist der Teppich überhaupt das Wichtigste. Der im Kino, und erst recht der davor. Dieser rote Teppich, der stetigen Anlass zur Hysterie liefert. Nicole Kidman, James Franco, Daniel Brühl.

Doch selbst der Teppich vor dem Berlinale Palast macht inzwischen einen erschöpften Eindruck. Ausgebreitet liegt er zu Füßen der Audi Lounge. Von dort hat man den besten Blick, und wenn bei den Premieren am Abend sich die Menschen auf der Terrasse drängeln, kann man Sorge bekommen, dass das hingezimmerte Gebäude gleich zusammenbricht. Läuft unten keine Premiere, kein Stargemenge, sieht dieser Ort stets ein wenig betrüblich aus. Das Publikum fängt in der Not an, sich selbst zu fotografieren, und so wird die Audi Lounge zur größten Selfie-Terrasse des Festivals. Unten an den Absperrungen stützen sich die Ordner auf. Es gibt überall Absperrungen, überall Ordner. In Neonwesten, in Anzügen, in Pagenkostümen. Sie langweilen sich, erzählen sich über die Funkgeräte die Geschichten von letzter Nacht. Sie reiben sie die Oberarme und hüpfen auf der Stelle. Unverwüstlich scheint aber der ewige L’Oréal-Kasten vor dem S-Bahnausgang zu sein, der aussieht wie ein aufgebockter Kosmetikkoffer und ein echtes Rätsel darstellt, sitzt da doch nie jemand vor den großen Spiegeln.

Aber wenn er da steht, weiß jeder: Es ist Berlinale, und genau hier geht sie los. Der Schminkkasten ist der aufgestellte Eckpfeiler der Filmfestspiele, das an den Seiten bereits stark ausfranst. Ein paar Meter weiter stehen schon die Touristenbusse bereit, als wüssten sie von nichts.