Berlinale

Als Martin Luther King die Massen mobilisiert

Das Oscar-nominierte Bürgerrechtsdrama „Selma“ ist der Film der Stunde

Die Südstaaten-Sonne scheint hell an diesem 9. März 1965, in der kleinen Stadt Selma im US-Bundesstaat Alabama. Langsam fährt die Kamera an den Stahlbögen der Edmund-Pettus-Brücke empor. Eine hypnotische Gitarrenmusik setzt ein. Zu hören ist der Bob-Dylan-Klassiker „Masters of War“, in der Version der großen Folk-Blues-Sängerin Odetta. Dann erfasst die Kamera die Bundesstraße 80, die an dieser Stelle den Alabama River überquert. Hunderte Demonstranten stehen dort, angeführt von Martin Luther King (David Oyelowo). Sie wollen in das 80km entfernte Montgomery marschieren, zum Regierungssitz ihres Gouverneur George Wallace (Tim Roth), der ihnen weiterhin das Wahlrecht vorenthält. Wer schwarz ist und sich als Wähler registrieren lassen will, muss zum Beispiel die Namen sämtlicher Bundesrichter aufsagen können, ansonsten wird der Antrag abgelehnt. Und Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) mag sich nicht durchringen, solcherlei bürokratische Schikanen zu verbieten. Schweigend stehen die Demonstranten nun weißen Polizeikräften und Bürgermilizen gegenüber, die einige hundert Meter weiter die Straßen blockieren. Zwei Tage zuvor hatten sie die unbewaffneten Demonstranten noch an selber Stelle mit brutaler Gewalt zurück in die Stadt geprügelt. Die Spannung in der Luft wird physisch spürbar, auch im Kinosaal.

„Selma“, der in der Reihe Berlinale Special gezeigt wird, bevor er nächste Woche regulär in Deutschland startet, ist in den USA der Film der Stunde. Die erste große Kinoproduktion über den legendären Pfarrer, Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King, der 1968 einem Attentat zum Opfer fiel, kam dort Ende Dezember in die Kinos – vier Wochen nachdem infolge des Falls Michael Brown einmal mehr schwere Rassenunruhen ausgebrochen waren. Nun ist „Selma“ für den Oscar nominiert, als bester Film, nicht für den besten Hauptdarsteller. Letzteres mag verwundern, weil David Oyelowo den Prediger der Gewaltlosigkeit auch in den Momenten seiner persönlichen Zerrissenheit und tiefen Melancholie glaubwürdig beschreibt. Aber er steht beileibe nicht so im Mittelpunkt, wie es beispielsweise das Plakatmotiv von „Selma“ vermuten lässt.

Regisseurin Ava DuVernay erzählt auf mehrere Ebenen von den Ereignissen rund um die Protestmärsche von Selma nach Montgomery. Da gibt es die lokalen Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung SCLC, die in ihren internen Konflikten und als unmittelbar Betroffene des alltäglichen Rassismus in Selma gezeigt werden. Das politische Geschacher auf allen Ebenen verbindet sich mit Zitaten aus den Überwachungsberichten des FBI zur unheimlichen Zeichnung eines undurchsichtigen Machtapparats. Eher dezent kommt derweil Kings Privatleben zur Sprache. Seine Auseinandersetzungen mit der besorgten – und hin und wieder auch zurecht eifersüchtigen Ehefrau Coretta (Carmen Ejogo) beschränken sich auf knappe, intensive Szenen. Im Ganzen gelingen DuVernay zwei beeindruckend inszenierte Geschichtsstunden, die bei aller Komplexität aber eine gewisse Oberflächlichkeit nicht leugnen können. Es bleibt schlicht zu wenig Zeit, um der großen Zahl der Protagonisten über ihre historischen Funktionen hinaus nahe zu kommen.

Termine HdBF, 12.2., 9.30 Uhr; Friedrichstadt-Palast, 14.2., 18 Uhr; Berlinale Palast, 15.2., 12.30 Uhr