Außer Atem

Die Sache mit dem Papier

Julia Friese über Tickets und andere wichtige Festivalpapiere

Man hat Ihnen sicher erzählt, auf der Berlinale würde es um Film gehen, richtig? Das ist ein Irrtum. Die Berlinale, und das wissen nicht viele, ist eigentlich ein Konvent von großen fanatischen Papierliebhabern für – das wird Sie jetzt überraschen – große fanatische Papierliebhaber. Papier, Papier, Papier ist alles was wir wollen. Das geht schon morgens los, mit dem Kaffeepappbecher – dickes Papier! – steht man im „Grand Hyatt Hotel“ , erster Stock. Acht Uhr, noch vor dem ersten Film, zählt nur das Heiligste. Zettel. Pink, gelb, blau. Sie liegen treppennah, es ist gefährlich, denn wir stürzen drauf. Es ist das Filmprogramm des Tages und das von morgen. Eigentlich ulkig, alles was darauf steht, steht auch in diesem Internet, auch in diesen sieben Kilo schweren Katalogen, die alle am ersten Tag unbedingt haben wollten – Papier! – und dann nie wieder angeguckt haben, und auch in diesen kleinen Programmheftchen – Papier! – die wirklich jeder irgendwo irgendwie noch dabei hat. Trotzdem aber empfangen wir das Blassbunte jeden Morgen wie eine Hostie, denn es ist heilig, wer es einsetzt, bekommt damit noch mehr Papier – es ist Ticketbestellpapier.

Akkurat behandelt man das Ticketbestellpapier, wenn man es auf mindestens zwei Ausgaben „The Hollywood Reporter“ – eine daily und eine weekly –, sowie einer Festival-Ausgabe „Variety“ ablegt. Diese Magazine sind groß, riechen göttlich frisch gedruckt, und da man ja weiß, alle lieben hier Papier, macht man sich in der Ticketschlange stehend auch nicht die Mühe, sie so zu halten, dass sie den Nächsten nicht berühren, nein, man drückt sie ihm genüsslich in den Rücken. Papier. Spürst du es? Genieß es. Immer wieder Knirschen. Denn die Wartenden blättern um. Fuchteln mit den Zetteln herum. Das raschelt so gut. Aber die Schlange ist lang, und die Aufmerksamkeitsspanne in Zeiten der internetbedingten Papierbedrohung kurz, also liefert ein runder Tisch bei Wartehalbzeit noch mehr Papier. Dieses Mal ganz kleines. Faltblätter. Auch die nehmen wir auf, mehr, mehr, mehr. Auf sein Handy guckt hier niemand. Denn all das Papier lässt sich nicht mit nur einer Hand bedienen, in seiner Masse fordert es die volle, zweihändige Aufmerksamkeit. Am Ticketschalter angelangt, legt man das Blasse kurz ab, Trennungsschmerz, es wird gescannt, aber man bekommt es zurück und dann endlich, das ersehnte, rare Papier. Eintrittskarten. Am ganzen Körper gleitet ein Schauer hinab, wenn direkt nach einem „Sold out“ gerufen wird. Dann weiß man, man hat das letzte, allerletzte Papierticket. Es ist ein Rausch.

Im Foyer des „Hyatts“ geht er weiter. Hier besorgen wir uns noch die „New York Times“, dann die Zeitungen die man auch versteht: die Berliner Morgenpost, die „Welt“, es ist so praktisch sie liegen direkt vor der Toilette. Jeder will sie alle. Köstlich, kostenlos. Und noch mehr: „The Hundert – Startups meet Fashion“, jeden Tag das gleiche vier Kilo schwere Magazin, nur mit einem anderen Cover. Collector’s Edition. Heute sind „Mongrels in Common“ auf dem Titel. Ich will es, ich nehm es mit, es ist Papier und die „100 Gründe in Berlin-Brandenburg Filme zu produzieren“, die will ich auch. Papier, Papier, Papier.

Im Kinosaal lege ich es mir auf die Knie, ziehe das Handy aus der Manteltasche und lese damit die Berliner Morgenpost, die „Welt“, die „New York Times“. Das Papier fass ich lieber nicht an. Ich will es nicht verknicken, nicht zerwühlen. Ich liebe es doch. Mein Papier.