Zwischenmenschlich

Helden der Straße

Jule Bleyer begegnet dem Berliner Stadtleben

Journalisten drücken sich mitunter ja gewöhnungsbedürftig aus. Sie machen die eine Story kalt, stricken die andere mit heißer Nadel, drehen sie weiter, schreiben das eine vor, gehen dem anderen nach, und meinen außerdem, die Geschichten liegen auf der Straße. Das hat mein damaliger Lokalchef mir schon als Praktikantin gepredigt. Passenderweise handelte der erste Artikel, den ich in meinem Leben geschrieben habe, von einer Straße, und zwar von der dort gerade durchgeführten Fahrbahnverschwenkung, und den Reaktionen der anliegenden Verschwenkungsgegner. Ich muss gestehen, dass ich mit meinem Block damals ziemlich verloren auf dem nicht verschwenkten Gehweg stand und es nur dem mitfühlenden Fotografen zu verdanken war, dass wir tatsächlich eine Geschichte von der Straße mitgebracht hatten.

Es ist ja auch leicht gesagt von jemandem, der selbst gar nicht mehr auf die Straße geht, sondern nur noch am Schreibtisch sitzt, nachdem er mit dem Auto direkt in die Tiefgarage gerauscht ist. So liegt auf seiner Straße höchstens mal ein Stau, dessen Ursache die Kollegen vom Schreibtisch recherchieren müssen, während draußen die richtige Geschichte vorbeiläuft.

Meine Straße in Charlottenburg steckt natürlich auch voller Geschichten. Nicht nur, dass sie heißt wie ein uruguayischer WM-Beißer, von einem ziemlich bekannten Trompeter bewohnt wird, der aber lieber in Kalifornien zu Hause ist, und Freunde aus Hamburg dort früher auch mal gewohnt haben, wie ich neulich durch Zufall erfuhr. Man findet in ihr immer was. Geld zum Beispiel. Socken. Eine Haarbürste. Oder einen Strandkorb. Und dann gibt es da diesen älteren Mann, der immer griesgrämig guckend mit seinem Kampfhund durch die Straße läuft, in schweren Schnürstiefeln, Militärhose und Muskelshirt. Ich habe immer ein bisschen Angst vor ihm und stelle mir vor, welche düsteren Geschichten er in seiner dunklen Altbauwohnung hinter Rüschengardinen versteckt.

Doch neulich kam er lächelnd auf mich zu, grüßte freundlich, hielt einer Frau die Tür zum Antiquitätenladen auf und ließ zwei kleine Mädchen seinen mit dem Stummelschwanz wedelnden Pitbull streicheln. Ich würde sagen, die Geschichte hat ein Happy End.