Film

Lieber extrem als seicht

Schauspielerin Anna Brüggemann liebt schwierige Rollen, wird aber oft anders besetzt

Ihre berufliche Heimat hat Anna Brüggemann mit 15 Jahren in der Schauspielerei gefunden, ihre Wahl- und Wohnheimat fünf Jahre später in Berlin. Alles zuvor war „eine einzige Geschichte des Frustes“, wie sie selbst sagt, als wir sie zum Interview in Schöneberg treffen, wo sie mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn lebt. Mittlerweile kann sich die 33-Jährige über mangelnde Rollenangebote nicht mehr beklagen. Auch wenn sie nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr nur ein einziges gutes Drehbuch in der Hand hatte. Zusammen mit ihrem Bruder Dietrich Brüggemann schreibt sie diese deshalb am liebsten gleich selbst. Gemeinsam gewannen sie bei der Berlinale 2014 mit ihrem Film „Kreuzweg“ den Silbernen Bären.

Vor der Kamera ist Anna Brüggemann das nächste Mal an diesem Freitag als Gastkommissarin in einer Folge „Soko Leipzig“ (ZDF, 21.15 Uhr) zu sehen. Wenn sie es sich aussuchen könne, spiele sie aber lieber schwierige, extreme Rollen. Wie zuletzt für ihren Bruder eine „Neonazi-Braut“ in dessen Film „Heil“. „Das war fantastisch, weil man dort eine ganze Landschaft abbilden kann. Ich werde leider oft als die unkomplizierte Freundin besetzt, aber das zahlt ja auch die Miete“, erzählt sie.

Geboren wurde die 33-Jährige in München. Als sie drei Jahre alt war, zog die Familie nach Südafrika. Später ging es nach Stuttgart, dann in die schwäbische und in die bayerische Provinz. „Mein Vater war als Professor für Germanistik sehr umtriebig. Wir sind viel umgezogen und ich bin ständig in neue, feste Strukturen geraten, wo ich nicht dazugehört habe“, erzählt sie. „In Berlin hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich falle nicht per se auf.“ Vielleicht liegt es auch daran, dass sie sich an die Jahre in Südafrika kaum erinnert. Nur an ein diffuses Gefühl der Angst. „Es gab dort in Südafrika immer so ein bedrohliches Grundsummen“, sagt sie. „Ständig hat man gehört, dass irgendwo eingebrochen wurde.“ Zurück in Deutschland habe sie sich deshalb sehr viel wohler gefühlt. Das latente Gefühl des Nichtdazugehörens blieb dennoch – bis sie zum ersten Mal vor einer Kamera stand.

„Ich habe mit 15 zum ersten Mal gedreht. Das war ein Segen. Endlich raus aus dem bayerischen Schulsystem“, erinnert sich Anna Brüggemann. Die Sehnsucht, auf der Bühne zu stehen, verfolgte sie damals schon seit Jahren. „Ich wollte schon immer spielen. Wenn es irgendwo einen Text gab, wollte ich den auf die Bühne bringen. Und ich wollte wissen, wie die Leute in den Fernseher kommen“, sagt sie. Den Ausschlag gab schließlich die Klavierlehrerin, die um die heimliche Leidenschaft ihrer Schülerin wusste und sie auf die Zeitungsanzeige einer Castingagentur aufmerksam machte. Also schlich sich Anna Brüggemann während einer Klassenfahrt in München davon, um ihr Glück zu versuchen. Nicht ganz ohne die Sorge, dass es sich bei der Anzeige um ein zwielichtiges Angebot handeln könnte. „Ich habe meiner besten Freundin gesagt: Wenn ich in vier Stunden nicht wieder da bin, sag einem Lehrer Bescheid. Es gab ja noch keine Handys. In diesem Haus in München saß dann auch ein Produktionsbüro, das gerade einen Film mit dem Namen ‚Nur für eine Nacht‘ produziert hat. Das klang alles furchtbar unseriös.“

Trotzdem stand Anna Brüggemann nur kurze Zeit später für den Sat.1-Film „Virus X“ vor der Kamera. Ihren älteren Bruder infizierte sie damals gleich mit. Er besuchte sie am Set und entschied sich spontan, statt Filmkomposition lieber Regie zu studieren. Seit seinem Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam sind die Geschwister auch als Drehbuchautoren ein Team. „Ich sehe nur Vorteile darin, mit meinem Bruder zusammen zu arbeiten. Man muss nicht klären, ob man eine gemeinsame Sprache, einen gemeinsamen Humor hat. Es gibt keine Eitelkeiten, keine Konkurrenz. Wir können uns streiten, ohne dass der gemeinsame Grund erschüttert wird“, sagt sie. Bei so viel Vertrauen ließ sie sich für den letzten Film ihres Bruders sogar einen Teil ihrer Haare abrasieren. Vor der Berlinale sollen diese nun wieder angeknüpft werden. Auf dem roten Teppich wolle sie schließlich hübsch aussehen.